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Deplatzierte Hoffnungen

Jörg Kronauer, Wolfgang Schneider (Hg.): Despoten-Dämmerung. Der »Arabische Frühling«, Israel und die Interessen des Westens. konkret texte 55, Hamburg 2011. 174 Seiten, 18 Euro.

Zum Arabischen Frühling sind mittlerweile zahlreiche Bücher auf den Markt geworfen worden, die meisten davon mit wohlwollendem Tenor. Die Umbrüche explizit kritisch beleuchten möchte der von den konkret-Autoren Jörg Kronauer und Wolfgang Schneider herausgegebene Sammelband Despoten-Dämmerung. Die Islamisten haben die Wahlen in Tunesien, Ägypten und Marokko für sich entscheiden können. Für Libyen sehen die Autoren unsichere Perspektiven, aber auch dort spiele der politische Islam künftig eine bedeutende Rolle. Über die Absichten der Islamisten wurde bereits viel geschrieben. Autor Stefan Frank hat einfach mal nachgelesen, was bekannte Muslimbrüder wie Jusuf Al Qaradawi denken und über Sender wie Al Jazeera verbreiten. Wenn der Vorsitzende der Muslimbrüder, Mohammed Badi, erklärt, dass der bewaffnete Dschihad das einzige Mittel ist, um die Lage der islamischen Weltgemeinschaft (Umma) zu verbessern, erscheinen Hoffnungen auf eine parlamentarische Mäßigung deplatziert.

Zum Verlauf der Umbrüche in Nordafrika hat Bernhard Schmid bereits an anderer Stelle (»Die arabische Revolution?«, Münster 2011) geschrieben. Wie viel Wunschdenken in seiner Betonung der Rolle von Gewerkschaften bei den Protesten steckt, ist schwer zu sagen. Weniger euphorisch klingen jedenfalls Stimmen, die erklären, bei den Streiks in der ägyptischen Stadt Mahalla al-Kubra habe es sich um eine Machtprobe der Muslimbrüder gehandelt, die in den dortigen Gewerkschaften eine führende Rolle spiele.

Jörg Kronauer zeigt, dass bereits lange vor dem Afghanistan-Krieg der »Freie Westen« auf die kommunitaristische Ideologie des Islam setzte, um so die Linke zu schwächen. Dies ist nicht ohne Folgen geblieben. Die USA haben seit Jahren Kontakt zu den Muslimbrüdern in Kairo. Ihre Hoffnung war, eine Alternative gegen Al Quaida aufzubauen. Der Westen möchte einen ihm wohlgesonnenen, wirtschaftsliberalen Islam. Unter anderen die Konrad-Adenauer-Stiftung in Kairo sucht dazu seit Jahren den Kontakt zu den Muslimbrüdern.

Ein Schwerpunkt des Bandes sind die wirtschaftlichen Interessen westlicher Länder. Dabei geht es nicht nur um Öl- und Gasvorkommen, in Marokko beispielsweise sollen gigantische Solaranlagen entstehen. Die Länder des Arabischen Frühlings sind zudem als Niedriglohnländer attraktiv. Auf neue Märkte hofft insbesondere die »Union für das Mittelmeer«. Ihre gleichberechtigten Co-Präsidenten waren der französische Präsident Sarkozy und der ägyptische Präsident Mubarak. Dessen Sturz von hat dem vor allem von Frankreich vorangetriebenem Projekt einer nordafrikanischen Freihandelszone einen herben Rückschlag erteilt. Dennoch bleibt eine Wiederbelebung möglich. Es zeigen sich dabei aber unterschiedliche Interessen der EU-Länder: Berlin orientiert sich wirtschaftlich nach Osteuropa und hat kein Interesse an einer einseitig von Frankreich betriebenen Marktöffnung in Nordafrika.

Magnus Engenhorst

330 | Arabischer Frühling 2.0
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