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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 345 | von Barrieren und Behinderungen Renate Nestvogel: Afrikanerinnen in Deutschland.

Renate Nestvogel: Afrikanerinnen in Deutschland.

Lebenslagen, Erfahrungen und Erwartungen. Waxmann Verlag, Münster 2014. 368 Seiten, 39,90 Euro.

Diskriminierung als Grunderfahrung

 

Renate Nestvogels Untersuchung Afrikanerinnen in Deutschland dokumentiert eine der bislang von Migrations- und Frauenforschung wenig erforschten Migrantinnengruppen: Sie analysiert Deutschlanderfahrungen und -erwartungen von Afrikanerinnen. In den 1990er Jahren hatte sich der Anteil von Frauen an der Migration aus dem subsaharischen Afrika von 25 auf 36 Prozent erhöht, 2012 betrug er 46 Prozent.

In Nestvogels Studie stehen nun die eigenen Perspektiven von Afrikanerinnen im Vordergrund. Ermittelt wurden sie durch Fragebögen und Interviews, die teils in der jeweiligen Muttersprache geführt wurden. Der Zugang wurde nicht über Ausländerämter gesucht, sondern vor allem über Beratungsstellen, Vereine und Selbsthilfegruppen. Afrikanerinnen waren an der Erstellung der Fragen und der Durchführung des Projekts wesentlich beteiligt.

Ein wichtiges Ergebnis der Studie ist, dass viele der Befragten einen Sozialisationsbruch erfuhren: Eine Entwertung der mitgebrachten sprachlichen, beruflichen oder akademischen Qualifikation, verbunden mit einer Stigmatisierung als Fremde. Während in den afrikanischen Ländern mittels des europäisch geprägten Bildungssystems eine durch Kolonialismus und Globalisierung bestimmte Verflechtung mit Europa erfahren wird, fehlt ein entsprechendes transnationales Bewusstsein in Deutschland. Einseitige Afrikaberichterstattung und Unkenntnis über Afrika werden in den Antworten häufig beklagt.

Die Afrikanerinnen kommen immer wieder auf Diskriminierung zu sprechen, auch wenn die Fragen dies nicht intendieren. 40 Prozent schildern Diskriminierung und Rassismus im Kindergarten, vor allem von den Kindern ausgehend, und 64 Prozent in den Schulen. Nestvogel konstatiert, dass Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen eine »zentrale Sozialisationsbedingung von Afrikanerinnen in Deutschland darstellen.« Auf dem Arbeitsmarkt, ohnehin beeinträchtigt durch die restriktive Gesetzgebung für Nicht-EU-AusländerInnen, sind die Erfahrungen der Erwerbslosen mit Arbeitssuche und Arbeit mehrheitlich negativ (76 bzw. 88 Prozent). Bei den berufstätigen Afrikanerinnen sind 60 Prozent der genannten Arbeiten als »unqualifiziert« zu klassifizieren.

Diskriminierung durchzieht für Afrikanerinnen in Deutschland alle Lebensbereiche – ein Leben lang, denn sie nimmt mit Aufenthaltsdauer und Verbesserung des Aufenthaltsstatus nicht ab. Gefragt, ob sie im Falle von Diskriminierung Unterstützung erfahren haben, antworten zwei Drittel mit »nein«. Selbst deutsche Partner neigen zu Bagatellisierung und dem Vorwurf der Hypersensibilität. Ziel der Studie ist die Vermittlung der afrikanischen Perspektive, dass Integration ein zweiseitiger Prozess ist und nicht, wie in der deutschen Debatte, auf den Erwerb der Sprache reduziert werden kann. Die Antworten der Afrikanerinnen zeigen, wie leidvoll Diskriminierung erlebt wird und wie viel Kraft sie kostet. Sie wird als noch belastender empfunden als die Statusprobleme.

Die im Abschlusskapitel präsentierten Erhebungen zeigen, dass Deutschland das »extreme Schlusslicht« Europas ist, wenn es um Weltoffenheit geht. Rassismus wird gern den Rechtsextremen angelastet, doch er kann nur existieren, weil es in der Mitte einen nicht thematisierten Alltagsrassismus gibt. Die Studie folgert daraus, dass Menschenrechtserziehung in den Mittelpunkt einer selbstreflexiven interkulturellen Bildung gestellt werden muss.

Sabine Hagemann-Ünlüsoy

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