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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 345 | von Barrieren und Behinderungen Felix Koltermann: Fotografie und Konflikt.

Felix Koltermann: Fotografie und Konflikt.

Texte und Essays. BoD Verlag, Norderstedt 2014. 75 Seiten, 5,90 Euro.

Fenster zur Wirklichkeit

 

»Findet der fotografische Akt innerhalb einer Konfliktsituation statt, so ist er der Dynamik des Konflikts unterworfen« – das klingt zuerst einmal banal, ist es aber ganz und gar nicht. Denn alle Beteiligten in einem Konflikt – sowohl FotografInnen als auch Fotografierte – sind Teil dieser sozialen Interaktion, und das Eintreten der Kamera verändert diese Situation. Nicht zu vergessen ist die Macht der Kontextualisierung durch die Veröffentlichung, ob journalistisch, werblich oder künstlerisch.

Der Journalist, Fotograf und Friedens- und Konfliktforscher Felix Koltermann will ganz genau hinsehen, wenn es um Bilder aus Konflikten und Krisengebieten geht. Sei es beim Thema Unschärfe, die für ihn Raum für Interpretation lässt und gleichzeitig eine Form von Nichtinformation in einer überinformierten Welt ist. Sei es im Falle der »negierten Urheberschaft« von Nachrichtenagentur-Bildern, die Kriegsbilder entpersonalisieren und somit zu vermeintlich »neutralen« Informationsquellen werden lassen – egal ob die Fotografen selbst aus der Krisenregion oder von außerhalb kommen.

Die große inhaltliche Klammer des schmalen Büchleins ist das Spannungsfeld von Fotografie und Konflikt. Dabei setzt Koltermann zwei Schwerpunkte – den Zusammenhang zwischen Fotojournalismus und dem Nahostkonflikt sowie die sich daraus ergebenden ethischen und professionellen Standards. Die Texte sind zwischen 2011 und 2014 entstanden, die Zusammenstellung ist eine gelungene Mischung aus Blogtexten, medienkritischen Artikeln und Kommentaren.

Gerade der sehr persönliche Zugang macht die Textsammlung so lesenswert. Denn Koltermann geht es immer auch um die Haltung der Fotografierenden: Nur durch konstantes Infragestellen (foto-)journalistischer Praktiken und Routinen ist für ihn eine Weiterentwicklung des Mediums Fotografie möglich. Deshalb sinniert Koltermann auch über das »Nicht-Fotografieren« als politisches Statement und plädiert für eine Friedensfotografie, die empathisch und lösungsorientiert ist, in der die FotografInnen sowohl über Konflikt- und Bildwissen sowie Bildkompetenz verfügen, als auch ihre eigene Rolle reflektieren beziehungsweise sich selbst positionieren.

Spannend zu lesen sind Koltermanns Ausführungen zur Versicherheitlichung (Securitization) der Bilder. Denn im Rahmen der so genannten »Bilderkriege« werden Bilder mit Waffen gleichgesetzt. Bilder – ob von terroristischen Anschlägen oder von Opfern – werden als Sicherheitsrisiko eingestuft. Auch die War-Porn-Debatte um das Pornographische und Voyeuristische in Kriegsbildern verhindert laut Koltermann einen kritischen Diskurs über die Kriegsfolgen. Er plädiert dafür, die Bildpolitik der Regierungen und Kriegsparteien auf allen Seiten eines Konflikts stärker zu fokussieren. Denn die »Postulierung eines Krieg(es) der Bilder« ist für ihn unnötig und kontraproduktiv: »Bilder waren noch nie reine Abbilder der Realität und werden es auch nie sein. Aber sie können, wenn sie nach bestimmten journalistischen Standards produziert und kontextualisiert werden, ein Fenster zur Wirklichkeit sein.«

Rosaly Magg

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