Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 354 | Zugemüllt Johannes Bühler: Am Fuße der Festung

Johannes Bühler: Am Fuße der Festung

Begegnungen vor Europas Grenze. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2015, 19,80 €

»Du bist mitten auf dem Weg«

In seinem Reportageband erzählt Johannes Bühler fünfzehn Geschichten von Menschen, die auf der Flucht sind – nach Europa. Ort der Begegnungen ist Marokko, wo die Menschen Am Fuße der Festung (so der Titel des Buches) verharren und auf eine Chance zur Weiterreise hoffen. Von Europa trennen sie ein sechs Meter hoher Zaun oder 14 Kilometer Wasser – und das europäische Grenzregime.

Allen Geschichten gemein ist die Erzählung von Flucht als etwas, das nicht einfach rückgängig gemacht werden kann, egal wie ausweglos die Situation scheint. Alle Ressourcen, seien es finanzielle oder körperliche, werden auf diese Flucht konzentriert. Der eingeschlagene Weg könne nicht einfach wieder verlassen werden, erzählt Jeanne aus Kamerun: »Erst leidest du in deinem Land. Danach ziehst du los, um dein Glück zu suchen, und auf der Reise triffst du auf ein noch viel größeres Leid als jenes, welches du bei dir zurückgelassen hast. Aber du bist mitten auf dem Weg. Du hast keine Wahl mehr. Du musst weitergehen. Du kannst nicht mehr zurück.«

Den Hintergrund all dieser Lebensgeschichten schildert der Autor in kurzen Einschüben und ausführlichen Fußnoten. Der rote Faden dabei ist die so genannte Europäische Nachbarschaftspolitik. Der Deal sieht so aus: Marokko erhält Entwicklungshilfe und Visaerleichterungen für Geschäftsleute und Studierende. Im Gegenzug erklären sich die marokkanischen Behörden dazu bereit, klandestine Migration zu bekämpfen – im Rahmen eines »Mobilitätspartnerschaftsabkommens«.

So stranden viele Geflüchtete in Marokko. Dort geraten sie, wie Felix aus Nigeria, in die Fänge von Menschenhandel-Netzwerke oder werden Opfer von Zwangsprostitution, wie es Nadine schildert. Werden sie beim Versuch erwischt, weiter nach Europa zu flüchten, sind sie brutalen polizeilichen Maßnahmen ausgesetzt: »Denn das ist so der Brauch, dass die Leute in die Wüste geworfen werden, wenn sie keine Papiere haben.« Massamba, der nach Marokko kam, um dort Musiker zu werden, zieht ein ernüchtertes Fazit: »Das ist kein offenes Land.«.

Für seine eigene Reise von der Schweiz nach Marokko findet Autor Bühler blumige Worte: »Es ist eine laue Herbstnacht und ich fühle mich lebendig.« Dieser Reiseromantik stehen die Geschichten der Menschen, die er portraitiert, diametral gegenüber. Es sind Erzählungen, die keinen Platz lassen für blumige Metaphern und die in ihrer Sprache eine Wucht entfalten, die die Gegensätze der Reiserealitäten nicht klarer zeichnen könnte.

In diesem Buch werden die Geschichten in ungeschönter Form geschildert, es kommen Menschen zu Wort, die von Schicksalen erzählen, die für jemanden mit einem »roten Büchlein«, so der Autor über seinen Schweizer Pass, nur schwer nachvollziehbar sind. Doch diese Geschichten stellen Zusammenhänge her und schlagen die Brücke von den Themen, die tagtäglich in den Nachrichten auf uns einprasseln, zu konkreten Schicksalen, die uns die Konsequenzen migrationspolitischer Entscheidungen schonungslos vor Augen führen. Trotzdem läuft das Buch Gefahr, dass das Gefühl dieser fundamentalen Ungerechtigkeit, das der Autor nach seinen Gesprächen selbst schildert, einem bloßen Ohnmachtsgefühl weicht.

An diesem Punkt nicht in Fatalismus zu verfallen, sondern die diffusen Solidaritätsgefühle zu politisieren, schafft ein anderes Buch: Die Bleibenden von taz-Redakteur Christian Jakob. Er erzählt von denjenigen Menschen, die in Deutschland angekommen sind, und ihren Kämpfen gegen die Isolation und für ein humanitäres Bleiberecht. Der Autor inszeniert das zur Phrase verkommene Thema der Integration als eine »Geschichte vom Widerstand«. Diese zeichnet er umfang- und faktenreich nach; über Portraits, die Chronologie der Bewegung und die Rolle der involvierten AkteurInnen. All die Quellen lassen sich in einem ausführlichen Anhang, samt Glossar nachschlagen.

Der erste und längste Teil des Buches ist denen gewidmet, die das Erstreiten ihrer Rechte zum zentralen Bestandteil ihres Lebens gemacht haben: Refugees, die hier sind, »um den Kampf weiterzuführen, den wir in unseren Ländern begonnen haben«, so Osaren Igbinoba, Gründer des The Voice Africa Forums. Gemeint sind damit Kämpfe gegen Lagerunterbringungen, für die Rechte von geflüchteten Frauen und gegen die Verharmlosung der Gefahren in den jeweiligen Herkunftsländern. Diese Menschen verbindet ihr Vorgehen gegen eine Isolation, die durch den Asylkompromiss 1992 verschärft wurde, die Geflüchteten sozial ausschließt und so »der Bevölkerung fremd und somit gleichgültig« macht, schreibt Jakob.

Die Chronologie der Bewegung mitsamt ihrer Erfolge, Probleme und Zerwürfnisse schildert Jakob kenntnisreich und in packenden Worten. Im Jahr 2015 macht er das Ende des Bewegungszyklus’ aus: Entlang der Formel »Backkurse und Grillabende statt Hungerstreiks« kommt er zu einer kritischen Analyse der gegenwärtigen Flüchtlingssolidarität, in der Berührungspunkte mit politisch organisierten Geflüchteten größtenteils rar sind. Zum »asylpolitischen Rollback« fehle trotz aller Helfermentalität eine starke zivilgesellschaftliche Gegenposition.

So unterschiedlich die beiden Bücher in der Art ihrer Schilderungen sein mögen, in ihrem Fazit sind sie sich wieder sehr nah. Jakob schlussfolgert, dass die Migration »auch weiterhin ihrer Einhegung voraus bleiben« wird. Lamin, der Bühler seine Geschichte erzählte, scheint dieser Position durch seine Erzählung beizupflichten: »Die Menschen sind schon immer überall auf der Welt herumgereist. Man kann die Menschen nicht davon abhalten zu reisen. Damit schafft man nur Hass und Durcheinander.«

Amelie Bihl

354 | Zugemüllt
Cover Vergrößern
Südnordfunk zum Thema

Kenia: Waste Pickers& Start-Ups

Elektroschrott nach Ghana?

Waste-Pickers in Südafrika

Elektroschrottkette nachrecherchiert