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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 354 | Zugemüllt Fatima El-Tayeb: Anders Europäisch

Fatima El-Tayeb: Anders Europäisch

Rassismus, Identität und Widerstand im vereinten Europa. Unrast Verlag, Münster, 19,80 €

Europa ist farbenblind

Die Präsenz derjenigen, die aus Europas Vergangenheit und Gegenwart gelöscht wurden, wieder in die europäische Geschichte einzuschreiben, ist das ambitionierte Ziel von Fatima El-Tayeb. Sie ist Schwarze Deutsche und mittlerweile in den USA lehrende Professorin für Literatur, Ethnic Studies und Critical Gender Studies. In Anders Europäisch will sie »Rassismus, Identität und Widerstand im vereinten Europa« untersuchen – so der Untertitel des Buches. Ihre Schlüsselthese dabei: Alle Länder Europas setzen auf »Weißsein« als Norm und etablieren ein wirkmächtiges System visueller Markierungen, die Nicht-Weiße als nicht-europäisch festschreiben. Für El-Tayeb ist Widerstand deshalb eine alltägliche Überlebensnotwendigkeit. Mit dem Ziel, Ethnizität zu queeren, also Stile und Genres zu vermischen, will sie kulturellen Widerstand ausüben.

Doch bevor El-Tayeb die Verbindungslinien zwischen den Aufständen in den Banlieues in Frankreich 2005, feministischem Aktivismus und queeren Performances aufzeigt, spannt sie einen großen theoretischen Bogen, der nicht immer leicht nachzuvollziehen ist. Sie entlarvt die europäischen Diskurse rund um MigrantInnen als diskriminierend und kritisiert sie aufgrund ihrer »Sprache des Ausschlusses«. Deshalb spricht sie auch von »rassifizierten Minderheiten und Migrantisierten« als Synonym für »Fremde«, auch wenn deren Ankunft in Europa zwei, drei oder viele Generationen zurückliegt. Diese minorisierten EuropäerInnen werden zu ‚rassifizierten’ Anderen, also als ‚anders europäisch’ markiert. Zur Analyse verwendet El-Tayeb keine im europäischen Diskurs üblichen Instrumente, sondern die kritische Rassismustheorie und die Queer-of-Color-Kritik aus dem US-amerikanischen Raum sowie das auf der karibischen Créolité beruhende Diaspora-Konzept.

Ihre Fußnoten zu Begriffen wie Othering, Racelessness, Kreolisierung oder Diaspora sind mit das Beste, was in letzter Zeit zu diesen komplexen Themenfeldern zu lesen war. So klar, wie sie hier Europa als »farbenblinden« Kontinent beschreibt oder die Rassismusverleugnung in Europa gerade in Bezug auf die Diskussionen um den Islam in modernen Gesellschaften analysiert, fehlt die auf den Punkt gebrachte Analyse jedoch manchmal in den theoretischen Kapiteln.

El-Tayeb will zwar durch ihre vielfältigen Ausführungen von Black Atlantic bis hin zu Postkolonialen TheoretikerInnen die transnationale Perspektive schärfen, doch damit überfrachtet sie ihr Theoriegebäude. Spannend ist ihre Analyse immer dann, wenn sie die Diaspora als gegensätzliches Konzept zu dem der Migration entwickelt. Denn in der Diaspora gibt es kein lineares Bewegen vom Heimatort zum Zielort, es gibt keine gemeinsame Herkunft, sondern nur einen gegenwärtigen Zustand. Diaspora begreift El-Tayeb deshalb konsequent als postethnisch und translokal. Und auch historisch kritisiert sie Europas Eigendefinition als »homogene Vorkriegs- und multikulturelle Nachkriegsgesellschaften«, denn Diasporaprozesse setzten auch in Europa schon viel früher ein. So werden die beiden Weltkriege im europäischen Gedächtnis als eindeutig westliche Angelegenheit dargestellt und die Verbindung von Krieg und Kolonialismus geleugnet. Dass diese Sicht der Dinge ein komplettes Weiß-Waschen der kolonialen Vergangenheit impliziert, hat spätestens 2009 die Ausstellung »Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg« des Rheinischen JournalistInnenbüros gezeigt. Kolonialismus wird nicht nur in diesem Zusammenhang fälschlicherweise als etwas erinnert, das nur außerhalb Europas stattgefunden hat.

Der Rassifizierung von Religion, muslimischen EuropäerInnen und weiblichen Körpern widmet El-Tayeb das Kapitel »Säkulare Unterwerfungen«. Scharf kritisiert sie darin Ayaan Hirsi Ali oder Necla Kelek, die »zu den ersten minorisierten Frauen überhaupt (gehören), denen eine Stimme in europäischen Angelegenheiten gewährt wurde. Allerdings nur dann, wenn sie über die islamische Bedrohung sprechen.« Fast schon erschreckend visionär ist folgende Aussage angesichts der Übergriffe in der Silvesternacht 2015 in Köln zu lesen: »Es geht hier nicht um die Frage, ob es notwendig ist, gegen Sexismus in muslimischen Gemeinschaften vorzugehen, sondern um die Instrumentalisierung dieses Ziels für die Unhörbarmachung und Spaltung von Muslim_Innen, bei gleichzeitiger Betonung, dass Europa ganz anders und überlegen ist.«

El-Tayeb kritisiert, dass bestehende feministische Organisationen in den Debatten um »die muslimische Frau« kaum angesprochen werden und stellt in diesem Zusammenhang die Hijab-tragende, queer-feministische Muslima Asmaa Abdol-Hamid vor, die Mitglied der Dänischen Sozialistischen Partei ist und auf der Kombina-tion ihrer vielfältigen Identitäten besteht. Abdol-Hamid lehnt es für ihre queere Identität ab, Religion überhaupt als Grundlage für die Kontrolle von Sexualität zu betrachten. Sie trägt – wie viele andere Beispiele in El-Tayebs Buch – zum Queeren von Ethnizität bei, indem sie mit Widersprüchen und Unmöglichkeiten arbeitet. So auch das niederländische multiethnische queere Kollektiv Strange Fruit, eine 1989 vornehmlich von SexarbeiterInnen gegründete Selbsthilfegruppe. Strange Fruit begreift den Körper als Schauplatz unterdrückter Performativität und nimmt ihn als Grundlage für Queer-of-Color-Theorie und -Aktivismus.

Hier schließt sich der Bogen zu den anderen von El-Tayeb vorgestellten Widerstandsformen wie beispielsweise die Hip-Hop-Kultur seit den 1970ern oder die Gayhane-Partys im legendären Club SO36 im Berlin der 1990er Jahre. El-Tayeb begreift Hip-Hop als diasporische Lingua Franca, die es schafft, Bündnisse über Ländergrenzen, ethnische Unterschiede und Sprachbarrieren hinweg einzugehen. Von der zentralen Rolle von Alltagskultur und Musik in der Diaspora vermag El-Tayeb meisterlich zu erzählen und spannt dabei den Bogen zurück zu den Strategien der Rassifizierung in der Festung Europa, die sich auf eine strikte Trennung von Körper und Geist beruft.

Rosaly Magg

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