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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 355 | Separatismus Wolfgang Reinhard: Die Unterwerfung der Welt

Wolfgang Reinhard: Die Unterwerfung der Welt

Eine ganz traditionelle Weltgeschichte. Der emeritierte Freiburger Historiker Wolfgang Reinhard widmet sich auf 1.648 Seiten der globalen Geschichte der europäischen Expansion und ihren Auswirkungen bis in die Gegenwart.

Es ist ein Mammutwerk: Der emeritierte Freiburger Historiker Wolfgang Reinhard widmet sich auf 1.648 Seiten der globalen Geschichte der europäischen Expansion und ihren Auswirkungen bis in die Gegenwart. Der Wälzer ist die überarbeitete Neuauflage der vierbändigen »Geschichte der europäischen Expansion«, die der Autor zwischen 1983 und 1990 veröffentlicht hat.

In vierundzwanzig chronologisch geordneten Kapiteln veranschaulicht das neue Nachschlagewerk den Verlauf der europäischen Expansionen. Ausgehend vom Feldzug Alexander des Großen nach Indien 327 v. Chr. geht Reinhard über zu den Anfängen der europäischen Expansion am Atlantik. Er veranschaulicht die europäischen Aktivitäten an den Küsten Asiens und den Wandel vom Handel mit Indien hin zur Unterwerfung des Subkontinents. Er thematisiert die Eroberung und Kolonialisierung der Amerikas durch Spanien, Portugal, Großbritannien, Frankreich und die Niederlande. Er widmet sich dem transatlantischen Sklavenhandel mit AfrikanerInnen, beschreibt aber auch, wie sephardische Jüdinnen und Juden in den Amerikas Möglichkeiten fanden, der Inquisition zu entgehen. Es folgen Abhandlungen zu den verschiedenen Kolonialreichen sowie zur imperialistischen Expansion in Afrika und Asien. Die Auswirkungen der beiden Weltkriege auf die Kolonien werden von Reinhard ebenso skizziert wie deren unterschiedliche Wege zur Unabhängigkeit. Das Buch schließt mit der Darstellung einer globalisierten Welt und einer Reflexion über postkoloniale TheoretikerInnen.

Reinhards Ausgangsthese ist, dass die Expansion innerhalb eines Kontinents der historische Normalfall sei, die Überseeexpansion, die heute meist mit dem Begriff Kolonialismus verknüpft ist, hingegen die Ausnahme darstelle. Europäische Reiche expandierten nach Übersee, da sich auf dem europäischen Kontinent außer für das russische Zarenreich kein Platz zur territorialen Erweiterung fand. Reinhard demonstriert, dass die großen europäischen Kolonialreiche häufig zuerst durch die Initiativen einzelner AkteurInnen und Gruppen und nicht durch zentrale politische Instanzen ins Leben gerufen wurden.

Die auf die Eroberungen folgenden Herrschaftssysteme waren nur möglich, weil in den kolonialisierten Gebieten stets Strukturen existierten, die die Eindringlinge zu instrumentalisieren wussten. Nach dem Prinzip divide et impera konnte beispielsweise der Spanier Hernán Cortés bei der Conquista des Aztekenreichs 1519-1521 die lokalen Rivalitäten nutzen, um die AztekInnen zu besiegen.

Die Kolonialreiche funktionierten oft durch Klientelpolitik. Eine kleine Zahl Weißer profitierte dabei von der Zusammenarbeit mit lokalen Eliten, die teils bereits vor der Kolonialisierung bestanden, teils erst durch die KolonisatorInnen geschaffen wurden. Nur im Ernstfall waren direkte militärische Eingriffe der Kolonialmächte von Nöten. Reinhard stellt klar, dass der mit der Expansion einhergehende Kolonialismus nie eine Einbahnstraße war. Unabhängig davon, ob die Kolonialisierten die neuen MachthaberInnen akzeptierten, Widerstand leisteten oder nur gelegentlich kollaborierten, besaßen sie immer Möglichkeiten zur aktiven Mitgestaltung – wenn auch nur im Rahmen kolonialer Hierarchien.

Äußerst kritisch zu bewerten sind Reinhards Umgang mit Sprache und sein biologistisches Verständnis von »Rasse«. Termini wie »Mischling« und »Schwarzafrika« reproduzieren sprachlich weiße Dominanz und ignorieren postkoloniale Auseinandersetzungen um das Recht auf Selbstbezeichnung. Ähnliches gilt für seine These, dass die westliche Expansion in anderen Teilen der Welt die Lage der dortigen Frauen verbessert haben soll. Auch sein Verständnis von Israel »als letzter Kolonie des Westens«, dessen Politik er mit dem rassistischen Apartheidsystem in Südafrika verwandt sieht, ist zurückzuweisen. Seine Darstellung des Zionismus, dem angeblich ein Konzept von »Großisrael« vorschwebe, das nur mit einer »ethnischen Säuberung zwecks Herstellung eines Gemeinwesens mit rein jüdischer Bevölkerung« vollbracht werden könne, trifft nicht zu. Er ignoriert, dass der Zionismus eine jüdische Befreiungsbewegung ist und Jüdinnen und Juden, vergleichbar mit kolonialen Subjekten, als die Anderen konstruiert wurden. Auch die Charakterisierung der palästinensischen Hamas als »Moslemorganisation« zeugt von Fehleinschätzungen, handelt es sich bei ihr doch primär um eine terroristisch agierende islamistische Gruppe, die eben nicht die Interessen aller MuslimInnen vertritt.

Auch dass Reinhard Xenophobie und daraus bedingte weltgesellschaftliche Entwicklungen mit dem Satz »Geschichte erweist sich wieder einmal als Fortsetzung der Biologie« erläutern will, ist mehr als problematisch. Durch die vermeintliche Naturalisierung von Diskriminierung wird verschleiert, wie Wissen und Macht erst dazu geführt haben, Menschen zu Kolonialisierenden und Kolonialisierten zu machen. Indem der Autor menschliche Beziehungen auf das Verhalten von Bakterienpopulationen herabstuft, macht er aus der menschlichen Existenz einen determinierten Prozess und ignoriert die Möglichkeit der Menschen, sich auf kultureller, politischer und sozialer Ebene auch anders entscheiden zu können.

Für Reinhard ist es eine »elementare Tatsache, dass die Menschheit aus verschiedenen Rassen besteht«. Das ist falsch und wissenschaftlich widerlegt. Die Einteilung von Menschen in »Rassen« oder auch verschleiert in »Hautfarben« ist ein biologistisches Produkt des Rassismus. Der Begriff »Rasse« wurde erst seit dem 16. Jahrhundert auf Menschen angewandt. Er ist eine sozial gewachsene Kategorie, die Weißsein zur Norm erhebt. Mit ihr ließen sich Menschen hierarchisch in Gruppen einteilen und somit Eroberungen, Kolonialisierung und die Versklavung ‚nichtweißer’ Menschen legitimieren.

Zur Dekolonialisierung der deutschen Geschichtswissenschaft trägt Reinhards Wälzer also trotz des monumentalen Umfangs nicht bei.

Patrick Helber

Wolfgang Reinhard: Die Unterwerfung der Welt. Globalgeschichte der europäischen Expansion 1415-2015. C.H. Beck Verlag, München 2016. 1.648 Seiten, 58 Euro.

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