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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 358 | Dschihadismus Erwin Schweitzer: The Making of Griqua, Inc.

Erwin Schweitzer: The Making of Griqua, Inc.

Indigene Kämpfe ums Land

»Ein Griqua ohne Land ist ein nackter Griqua« – dieses Zitat von Kaptein Johannes Kraalshoek, Repräsentant des Free State Griqua Concils, bringt die politisch brisanten Landrechtsforderungen der Griqua auf den Punkt. Wer sind nun die Griqua? Das Wort bedeutet »Menschen«, und zwar im Xiri, einer Khoekhoe-Sprache. Schätzungen gehen davon aus, dass heute etwa 300.000 Griqua über mehrere Provinzen verteilt in Südafrika leben. Historisch sind sie Nachfahren verschiedener Gruppen der vorkolonialen Gesellschaft: Khoekhoe-Pastoralisten, San-Jäger und Sammlerinnen, bantu-sprachige Menschen, importierte SklavInnen der Kapkolonie sowie einige weiße Soldaten und SiedlerInnen.

In seinem Buch The Making of Griqua, Inc. erläutert Erwin Schweizer unter Bezug auf historische Quellen, wie sich die Griqua im 18. Jahrhundert als Gruppe formierten, eigene Strukturen der politischen Selbstorganisation bildeten, um Land kämpften und dieses schließlich an die Weißen verloren.

Seit der Demokratisierung Südafrikas 1994 und der Verabschiedung einer neuen Verfassung 1996 steht die juristische Aufarbeitung der Enteignung und Vertreibung der schwarzen Bevölkerungsmehrheit auf der politischen Agenda. Es geht um Entschädigungen derjenigen, die vor und während der Apartheid vertrieben wurden. 1913 ist das Stichjahr, damals wurde ein drakonisches Landgesetz verabschiedet. Einhundert Jahre später kündete Präsident Jacob Zuma Maßnahmen zur Lösung der Landfrage an. Doch schon vor dem Gedenkjahr 2013 hatten sich die Kontroversen verschärft und parteipolitisch aufgeladen. Während sich Regierung und Opposition über legislative und ökonomische Details stritten, warteten AntragstellerInnen jahrelang in komplizierten Verfahren auf die gerichtliche Klärung ihrer Entschädigungsforderungen. Gemeinschaften zuvor Vertriebener organisierten sich neu.

In all diese Kontexte ist Schweizers Buch einzuordnen. Der historisch versierte Sozialanthropologe dokumentiert im Detail, wie sich Vertriebene organisieren und welche juristischen Möglichkeiten und neue Formen von Identitätspolitik sie nutzen, um ihre Landrechtsforderungen durchzusetzen. Konkret illustriert der Autor die wirtschaftlichen Interessen und die Strategie des Ethno-Marketing einer zuvor marginalisierten Gesellschaftsgruppe in der sich rasch wandelnden Post-Apartheidökonomie. Die empirische Basis ist eine Forschung in drei Landreformprojekten in Kooperation mit mehreren Griqua-Organisationen.

Der Autor nimmt seine LeserInnen mit auf eine facettenreiche Zeitreise, auf der er juristische, politische, ökonomische und sozio-kulturelle Kontexte anschaulich erklärt. Weil er zudem der Vielfalt der heutigen Griqua-Stimmen Gehör verschafft, ist das Buch erkenntnisreich für Diskussionen über Indigenität, Landrechtsbewegungen und Ethno-Marketing – im südlichen Afrika und darüber hinaus.

Rita Schäfer

 

Erwin Schweitzer: The Making of Griqua, Inc., Indigenous struggles for land and autonomy in South Africa. Lit-Verlag, Münster 2015. 347 Seiten, 34,90 Euro.

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