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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 358 | Dschihadismus Fatima El-Tayeb: Undeutsch

Fatima El-Tayeb: Undeutsch

Fremd gemacht werden

Fatima El-Tayebs Buch Undeutsch ist eine kritische Auseinandersetzung mit rassistischen Machtstrukturen innerhalb der europäischen und insbesondere der deutschen Gesellschaft seit dem Mauerfall 1989. Die Historikerin veranschaulicht anhand von Beispielen aus der jüngeren Vergangenheit wie der Debatte um die Kölner Silvesternacht, um das Humboldt-Forum oder um das Mahnmal für die von den Nazis ermordeten RomNija und SintEzza, wie People of Color zu ,undeutschen‘ Fremden gemacht werden. Dabei kritisiert El-Tayeb das hegemoniale Narrativ von Deutschland und Europa als weißen und christlich sozialisierten Gemeinschaften sowie die ausbleibende Konfrontation mit der kolonialen Vergangenheit. Sie demonstriert, wie MuslimInnen, Schwarze wie auch SintEzza und RomNija als Minorisierte mit langer deutscher Geschichte noch heute in stets gleichen Zyklen als ‚Fremde‘ markiert werden.

In einer Zeit, in der Pegida und AfD mit rassistischen Ressentiments Massen mobilisieren und massiven Einfluss auf den politischen Diskurs bis hin zur Verschärfung von Asylgesetzen ausüben, ist El-Tayebs Analyse richtig und wichtig. Sie verdeutlicht, dass niemand ‚undeutsch‘ ist, sondern von der weißen Mehrheitsgesellschaft erst zum ‚Undeutschen‘ gemacht wird, indem kriminelles Verhalten oder diskriminierende Einstellungen wie Sexismus, Homophobie oder Antisemitismus von der Mehrheitsgesellschaft auf rassifizierte Minderheiten externalisiert werden. Als Folge der Markierung als »undeutsch« erleiden People of Color in Deutschland rassistische Gewalt. Trotzdem werden rassistische Übergriffe im öffentlichen Diskurs »nicht als strukturelles deutsches – und europäisches Problem« begriffen. Stattdessen greifen PolitikerInnen zu oft auf die Mär vom »randständigen Extremisten und gestörten Einzelgänger« zurück.

Anders verhält es sich laut El-Tayeb bei islamistisch motiviertem Terrorismus. Im Gegensatz zum Rassismus, der als »Fremdenfeindlichkeit« nur eine Angelegenheit der Fremdgemachten ist, wird der islamistische Terror zur Gefahr für ganz Europa erklärt und als »repräsentativ für den Islam an sich« dargestellt. So zeigt El-Tayeb auf, dass die »Je suis Charlie«-Kampagne 2015 im Anschluss an die Ermordung von elf Menschen in der Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo nicht nur Solidarität mit den Opfern ausdrückte, sondern zugleich »als Symbol der kollektiven Gefährdung des weißen Europas durch muslimischen Terror« fungierte. Bei den Sicherheitsdebatten, die auf jeden Terroranschlag folgten, ging es deshalb nie um die Sicherheit von People of Color, sondern stets um die der weißen Mehrheit, die gemeinhin als Norm gilt.

Der mehrheitsdeutschen Linken wirft El-Tayeb vor, die postkoloniale und die Critical-Race-Theorie zu ignorieren. Anstatt von Minorisierten zu lernen, halte sie am Aufklärungshumanismus fest, in dessen Zentrum der weiße Mann und seine Realität stehen. Stattdessen sollten die Linken die »eigene Positionierung hinterfragen« und »sich in der Kunst des Zuhörens und Zurücknehmens üben«. Mit ihren Äußerungen positioniert sich El-Tayeb eindeutig im aktuellen Disput innerhalb des antirassistischen Lagers. In ihm prallen der strategische Essentialismus von AktivistInnen of Color und der von der Mehrheitslinken geforderte Universalismus kompromisslos aufeinander.

Kritikwürdig ist El-Tayebs Analyse des Antisemitismus. Dass die Markierung von deutschen MuslimInnen als per se antisemitisch einen rassistischen Charakter hat, trifft zweifellos zu. In ihren anschließenden Fußnoten über antisemitische Einstellungen unter MuslimInnen greift El-Tayeb aber selbst auf einen Diskurs zurück, der Jüdinnen und Juden als weiße UnterdrückerInnen konstruiert. Die fälschliche Annahme einer homogenen weißen israelischen Gesellschaft ignoriert sowohl, dass Menschen jüdischen Glaubens historisch nie ‚weiß’ waren, als auch die Existenz von arabischen und äthiopischen Jüdinnen und Juden. Argumentationen wie die von El-Tayeb bergen die Gefahr, Antisemitismus als antikolonialen Widerstand »gegen eine dominante politische Macht und ihre konkreten Herrschaftsstrategien« zu verharmlosen.

Patrick Helber

 

Fatima El-Tayeb: Undeutsch. Die Konstruktion des Anderen in der postmigrantischen Gesellschaft. Transcript Verlag, Bielefeld 2016. 256 Seiten, 19,99 Euro.

358 | Dschihadismus
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