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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 358 | Dschihadismus Patrick Helber: Dancehall und Homophobie

Patrick Helber: Dancehall und Homophobie

One Love, one Hate

Die in Jamaika überaus populären Dancehalls lassen sich als relativ autonomes, gut abgrenzbares kulturelles Feld fassen. Es steht mit den eigentlichen Machtfeldern der Politik und Wirtschaft im intensiven Austausch – sowohl in ihren formellen als auch informellen Erscheinungsformen. An diesem symbolischen Ort werden die Identitätskonstruktionen der weltlichen und geistlichen Eliten neu verhandelt und in vielerlei Hinsicht verändert und konterkariert. Im Dancehall Reggae geht es somit kontinuierlich um Fragen der Respektabilität von Weltbildern, ethischen Gesinnungen und akzeptablen Verhaltensformen, gerade was die Geschlechternormen und damit verbundene sexuelle Einstellungen und Praktiken betrifft. Aus diesem empirischen Befund entwickelt Patrick Helber seine zentrale theoretische Fragestellung: Welche Bedeutung nehmen Populärkultur und Diskurse über Populärkultur bei der Aushandlung von Respektabilität bezüglich geschlechtlicher Identitäten im postkolonialen Jamaika ein?

Schon im Buchtitel, der Dancehall und Homophobie schlicht nebeneinander stellt und nicht wie in den meisten medialen und aktivistischen Diskursen in einen essentialistischen Zusammenhang bringt, drückt sich der breite Kontext aus, in dem der Autor die internationale Kontroverse auffächert. Damit widerspricht er den gängigen westlichen Diskursen über Dancehall als grundlegend homophobe, zur Gewalt aufrufende und reaktionär intolerante Musikrichtung. Durch diese Darstellung in westlichen Medien geriet zugleich der gesamte jamaikanische Reggae in Verruf. Zweifellos hat dem Image von Reggae, der bis in die 1990er Jahre als emanzipatorische Populärkultur mit den Grundwerten von gleichen Rechten, Gerechtigkeit und universaler Einheit gegolten hat, nichts mehr geschadet, als die von zahlreichen erfolgreichen Interpreten vorgebrachten homophoben und misogynen Inhalte. Aus der von Bob Marley und vielen anderen geprägten (musikalischen) One Love-Bewegung wurde in der öffentlichen Wahrnehmung eine One Hate-Musik. Helber geht den aufwändigen und beeindruckenden Weg, den medial zumeist aus dem Zusammenhang gerissenen homophoben Textzitaten und diskriminierenden sowie gewalttätigen Handlungen eine beinahe weltgeschichtliche, zumindest aber im postkolonialen Paradigma verortete Dimension zu geben.

Damit gelingt es ihm zum einen, die koloniale, vor allem in den missionarischen Morallehren wurzelnde Genese der Homophobie in Jamaika aufzuzeigen. Zum anderen fasst er die immer noch weite Verbreitung dieser Haltung in den gesetzlichen, theologischen und alltagsweltlichen Regeln Jamaikas analytisch. Während fast alle Aspekte des politischen und sozialen Alltags sowie die Grundfragen der kulturellen Identität und wirtschaftlichen Verteilung im Dancehall Reggae umgeformt und neubestimmt werden, bleiben die sexuellen Identitätskonstruktionen davon weitgehend unberührt. Das spricht dafür, dass sie durch eine Jahrhunderte lange Indoktrination durch Kirche und Staat so tief in den Habitus eingeschrieben wurden, dass sie sich (als »vergessene Geschichte« im Sinne Bourdieus) der bewussten Reflexion hartnäckig entziehen. Dafür liefert Helber überzeugende empirische Belege, indem er mit einer Foucault’schen Diskursanalyse meinungsbildender jamaikanischer Medien mehrere Dancehall und Homophobie betreffende Diskurse miteinander verknüpft. Damit gelingt ihm das anspruchsvolle Kunststück, eine durchgehend kritische Perspektive zu bewahren, ohne das so oft selbstgefällig eingenommene westlich »aufgeklärte« Selbstbild gegen die »rückständigen kulturell Anderen« auszuspielen.

Dieses Buch bietet einen längst überfälligen historisch informierten Beitrag zum besseren, sprich kontextuellem Verständnis von (respektablen) Geschlechtskonstruktionen und den damit häufig verbundenen Formen von Unterdrückung, Diskriminierung und symbolischer wie physischer Gewalt. Als wissenschaftliche Arbeit, die aus einer sozialgeschichtlichen Dissertation entstanden ist, richtet sich dieses Buch nicht vorrangig an Reggae- und Dancehall-HörerInnen ohne eingehende theoretische Vorbildung. Empfehlenswert ist es vielmehr für ein Publikum, das an Fragen von postkolonialen Identitäten, ihren historischen Konstruktionsweisen und gegenwärtigen Veränderungsdiskursen interessiert ist. Und wer sich mit populärkulturellen Äußerungsformen von Homophobie und (maskuliner) Heteronormativität befasst, wird hier ebenfalls fündig.

Werner Zips

 

Patrick Helber: Dancehall und Homophobie. Postkoloniale Perspektiven auf die Geschichte und Kultur Jamaikas. Transcript Verlag, Bielefeld 2015. 304 Seiten, 32,99 Euro.

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