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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 359 | Rechtspopulismus Christiane Lewe, Tim Othold und Nicolas Oxen (Hg.): Müll

Christiane Lewe, Tim Othold und Nicolas Oxen (Hg.): Müll

Das Aussortierte wurde verworfen, vergessen, vermieden oder verschwendet, verwahrt und dann bestenfalls verwaltet. Zumindest dort, wo eine Verwaltung bezahlbar oder aus hygienischen Gründen angeordnet ist. Im Zeitalter des Recyclings wird das Aussortierte zunehmend auch verwandelt und wiederverwertet.

Müll, Abfall, Schrott, Waste, Rubbish, Reste: All das ist eine kritische Masse, die in der Art und Weise, wie sie aussortiert, aufgeräumt und aufbewahrt wird, Auskunft gibt über die gesellschaftlichen Verhältnisse und Wertvorstellungen, über ökonomische und kulturelle (Selbst-)Verständnisse, über die gesellschaftliche – öffentliche wie private – Beziehung zum Übriggebliebenen.

Mit dem Sammelband Müll – interdisziplinäre Perspektiven auf das Übrig-Gebliebene lenken die HerausgeberInnen Christiane Lewe, Tim Othold und Nicolas Oxen die Aufmerksamkeit auf das, was sonst keiner Aufmerksamkeit gebührt: Müll. Dafür zahlen ordentliche Gesellschaften schließlich ordentlich Gebühren an die Abfallwirtschaft. Der Band ist schon insofern der kritischen Gesellschaftsanalyse zuzuschreiben, als dass er das Gegenteil von dem tut, was als postmoderner Wertekodex in Bezug auf den Müll gilt: Er betrachtet Müll als aufschlussreiche kritische Materie, statt dem aktuellen Streben nach Restlosigkeit und Müllvermeidung das Wort zu reden. Er zeigt, wie die Umetikettierung von Müll zum Rohstoff eine Müllvermeidung gar behindern kann, wie die Materie einem ständigen Wertewandel unterworfen ist, wie Ausrangiertes in einem Zwischenzustand verweilt, als Antiquität oder neuerlich im Retro-Trend vom wertlosen zum wertvollen Objekt redefiniert wird.

So betrachtet der Band die Wandlungsfähigkeit des als Müll übrig Gebliebenen: Kein Stoff bleibt über Raum und Zeit gleich, nicht ideell und auch nicht materiell. Der Abbau der Deponien durch Mikroorganismen trägt neue Stoffe ins Erdreich und in den Wasserkörper, die Verteilung feinster Mikropartikel in der Nahrungskette sorgt für bisher unbekannte (Sterbe-)Prozesse – und erinnert so daran, dass nichts aus der Welt geschafft ist, indem man es ausgrenzt oder einhegt. Die Ent-Sorgung bleibt Utopie, auch wenn die moderne Abfallökonomie mit dem Sprechen vom Recycling und Upcycling, von der Kreislaufwirtschaft und den Ausgleichsflächen (also ehemals als nutzlos klassifizierten Brachen) das Gegenteil glauben machen will.

Abgesehen von ökonomiekritischen Perspektiven auf die Wandlungsfähigkeit der Müllmaterie und der ihr zugeschriebenen Werte zeigt der Band, wie einschneidend das Verhältnis zum Müll die Gesellschaft gespalten hat und weiterhin strukturiert, wie es sich historisch und aktuell durch die Kategorien race, class und gender zieht. So ist dem modernen Hygiene-Diskurs und den damit einhergehenden Reform- und Erziehungsmaßnahmen gegenüber als nicht-weiß rassifizierten Menschen seit dem Zeitalter der Kolonisierung eine Positionierung gegenüber dem Unsauberen inhärent: Die historisch proklamierte Nähe der Entrechteten (Frauen, Kinder, Peope of Colour, Arbeiterklasse) zum Schmutz strukturiert auch heute alltägliche Selbstverständlichkeiten: Frauen machen nach wie vor den Großteil der Drecksarbeit im Haushalt; bürgerliche Haushalte oder Institutionen lassen sie von migrantischen Haushaltshilfen und »Reinigungsfachpersonal« erledigen. Saubere Städte im Westen lassen den Müll von migrantischen Arbeitskräften – oft mit Herkunft aus dem Osten oder Süden – entfernen. Westliche Hygienestandards verdammen und verbannen den ekligen Schmutz – und die damit assoziierte Misere – in die Armuts- und Elendsregionen der postkolonialen Welt. Die Wertvorstellungen der hierarchisierten Gesellschaft sind auch durch das Verhältnis zum Müll strukturiert.

Der Sammelband gibt somit einen Anstoß für ein neues Nachdenken über Müll. Als Schlaglichter auf die weggekehrte Seite der Gesellschaft sind die hier versammelten Einblicke aus Philosophie, Soziologie, Medien, Kunst und Kultur erhellend. Sie ermöglichen eine längst überfällige – teils abstrakte, aber erkenntnisreiche – Sicht auf die Gesellschaft. Der interdisziplinäre Blick kann die derzeit dominierende, rein ökonomisch-ökologische Betrachtung und Bearbeitung des Mülls aufbrechen und erweitern. Ganz neu ist letzteres freilich nicht: Müllarchäologien historischer Deponien haben zumindest in den Geschichtswissenschaften schon des Öfteren Kenntnisse über damalige Lebensgewohnheiten, Werte und auch soziale Kämpfe gesammelt.

Martina Backes

 

Christiane Lewe, Tim Othold, Nicolas Oxen (Hg.): Müll – interdisziplinäre Perspektiven auf das Übrig-Gebliebene. transcript, Edition Kulturwissenschaft, Bd. 87, Bielefeld 2016. 251 Seiten, 29,99 Euro.

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