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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 362 | Altern in der Welt Christiane Bürger: Deutsche Kolonialgeschichte(n)

Christiane Bürger: Deutsche Kolonialgeschichte(n)

Koloniales Proletariat?

Seinen ersten Genozid verübte das Deutsche Reich zwischen 1904 und 1908 an den Herero und Nama in »Deutsch-Südwestafrika«. Beide Gruppen setzten sich militärisch gegen die Ausbeutung und Diskriminierung durch deutsche KolonialistInnen zur Wehr. Die Reichsregierung reagierte mit einem Expeditionskorps, geführt von General Lothar von Trotha, der die Vernichtung der Aufständischen befahl. Die Herero wurden mit ihren Frauen und Kindern in die Omaheke-Wüste getrieben und dem Tod durch Verdursten und Verhungern überlassen. Gefangene Herero und Nama internierten die Deutschen in Konzentrationslager, wo sie Zwangsarbeit leisten mussten und an Erschöpfung, Krankheiten und Unterernährung starben. Christiane Bürger untersucht, wie die Geschichtswissenschaft im geteilten Deutschland von 1945 bis in die 1980er Jahre mit diesem Genozid umging. Eine hervorragende Analyse, die speziell wegen des bis in die Gegenwart widersprüchlichen Umgangs der Bundesrepublik mit den geerbten Kolonialverbrechen von großer Aktualität ist.

Bürger betont, dass in der DDR die Geschichtsschreibung stets den Zweck hatte, das anti-imperialistische Selbstverständnis zu bekräftigen. Gleichzeitig sollte die Kolonialismuskritik das DDR-Regime afrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen und postkolonialen Staaten als PartnerInnen empfehlen. Laut der marxistischen Sichtweise vieler HistorikerInnen waren die Herero und Nama ProletarierInnen. Ihr Befreiungskrieg wurde als Klassenkampf betrachtet, auf den das Kaiserreich mit einem Genozid reagierte. Die Forschung in der DDR scheute sich dabei nicht, Verbindungen zwischen Kolonialismus und Nationalsozialismus aufzuzeigen. Bürger verdeutlicht aber, dass trotz antikolonialer und antirassistischer Forderungen auch die DDR-Forschung in einer eurozentrischen Perspektive feststeckte und koloniale Diskurse unterschwellig fortschrieb.

Die kolonialkritische Geschichtsschreibung war wegen der Unterstützung des südafrikanischen Apartheitsregimes in der BRD lange unpopulär. Auslöser einer größeren Debatte war der Fernsehfilm »Heia Safari – die Legende von der deutschen Kolonialidylle«, den die ARD 1966 zeigte. Er konfrontierte ein Massenpublikum mit den Kolonialverbrechen und förderte die wissenschaftliche Debatte. Studentische Proteste, wie beispielsweise der Sturz des Wissmann-Denkmals 1968 in Hamburg, sensibilisierte die westdeutsche Öffentlichkeit zunehmend für das Thema Kolonialismus. Im Jahr 1984 erfuhren allerdings erneut kolonialrevisionistische und apologetische Publikationen, die die These des Völkermords bestritten, verstärkte Wahrnehmung. Bürger geht leider nicht darauf ein, weshalb relativierende Positionen gerade in den 1980er Jahren aufkamen und ob sie möglicherweise in Verbindung mit dem Historikerstreit 1986/1987 über die Singularität des Holocausts stehen.

Bereits der Titel Deutsche Kolonialgeschichte(n) demonstriert, dass historische Forschung nie linear abläuft, sondern Geschichtsbilder parallel zueinander existieren. Wichtige Erkenntnisse, wie die These vom Genozid, haben ihre Ursprünge in der Forschung der DDR. Diese lag trotz ihrer ideologischen Vereinnahmung in Teilen nah an den heutigen Paradigmen, was unterstreicht, dass die Arbeit der DDR-HistorikerInnen nicht nur auf die Legitimation des Regimes reduziert werden darf.

Patrick Helber

 

Christiane Bürger: Deutsche Kolonialgeschichte(n). Der Genozid in Namibia und die Geschichtsschreibung der DDR und BRD. transcript-Verlag, März 2017, 320 Seiten, 39,90 Euro.

 

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