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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 362 | Altern in der Welt Tuvia Tenenbom: Allein unter Flüchtlingen

Tuvia Tenenbom: Allein unter Flüchtlingen

Ein moralisches Vorzeigeprojekt

»Ich brauche mal ein bisschen Ruhe von den guten Deutschen«: Tuvia Tenenbom gesteht am Ende seiner Entdeckungsreise durch Deutschland erschöpft ein, dass er sich nach all dem, was er im Rahmen seiner neuesten Reportage Allein unter Flüchtlingen erlebt hat, nach Erholung sehnt. Die Deutschen, die der israelisch-amerikanische Autor bei seiner Reise getroffen hat, sind nämlich keineswegs so gut, wie sie zu sein meinen.

Das gilt auch für die hilfsbereiten VerkünderInnen der deutschen Willkommenskultur, die sich selbst und dem Rest der Welt die Aufnahme von Geflüchteten als edle Geste eines wieder gut gewordenen Volkes verkaufen wollen. Dabei geht es ihnen mehr darum, die eigene moralische Integrität unter Beweis zu stellen, als um die Menschen, die vor Not und Elend fliehen. Dies wird an einigen Stellen beinahe ungefragt zugegeben, an anderen Stellen wiederum geschickt von Tenenbom aufgedeckt. Etwa wenn er den Flüchtlingsdeal mit dem islamistischen Despoten Erdoğan anspricht, damit in der Regel aber auf Desinteresse oder Unkenntnis stößt.

Bei den Gesprächen mit Geflüchteten in Unterkünften von Hamburg-Harvestehude über Beelitz bis Passau wird deutlich, dass es ihnen häufig am Nötigsten fehlt. Eindrucksvoll beschreibt Tenenbom, mit welchem psychischen und physischen Leid die Unterbringung in Massenunterkünften verbunden ist. Diese finsteren Zustände waren im Schatten des »Wir schaffen das« und der Willkommenskultur für viele Anlass genug, mal wieder richtig stolz auf Deutschland zu sein, was das Ausmaß dieser kollektiven moralischen Selbstbefriedigung deutlich macht.

Menschen auf der Flucht werden von der Mehrheit seiner GesprächspartnerInnen nicht als Subjekte mit unveräußerlichen Rechten angesehen, die in einem universalistischen Verständnis zu schützen wären. Vielmehr verkommen Geflüchtete in den Helferphantasien der Deutschen zu Objekten, die (falls sie es überhaupt bis nach Deutschland schaffen) darauf hoffen müssen, dass ihnen die Gnade der GastgeberInnen zuteil wird. Der Gedanke verwundert nicht, wurde er doch mit der Verfassungsänderung 1993 fest im deutschen Recht verankert, womit ein wirklicher Rechtsanspruch auf Asyl ausgehebelt wurde.

Immer wieder sieht sich Tenenbom bei seinen Begegnungen unangenehmen Situationen ausgesetzt. Etwa, wenn es zu antisemitischen Äußerungen durch Flüchtlinge kommt und die umstehenden Deutschen entweder versuchen, das Gesprächsthema so schnell wie möglich zu wechseln oder sogar mehr oder minder offen ihre Zustimmung signalisieren. Eine nicht geringe Zahl von Menschen, das wird im Buch deutlich, will immer noch nicht wahrhaben, dass es sich bei Flüchtlingen nicht um bessere Menschen handelt, die sich zum eigenen moralischen Vorzeigeprojekt modellieren lassen.

So gut es Tenenbom in einigen Gesprächen gelingt, seine Gegenüber mit geschickten Nachfragen in Bredouille zu bringen, so wenig aufschlussreich und kritisch wirken andere Interviews. So etwa die Begegnung mit dem neurechten Aktivisten Götz Kubitschek, der letztlich als undogmatischer konservativer Intellektueller dargestellt wird. Im Laufe des Buches hebt Tenenbom immer wieder hervor, wie sich das Unbehagen der Massen gegen »rechte Querdenker« richte. Dass sich der ‚Volkszorn’ in Form von Brandanschlägen und gewalttätigen Übergriffen durch Neonazis oder ‚besorgte’ AnwohnerInnen in erster Linie gegen Flüchtlinge richtet, geht dabei unter.

Trotz dieser Auslassungen kann »Allein unter Flüchtlingen« einiges abgewonnen werden, besonders durch die zahlreichen erheiternden Momente. Wie schon bei Tenenboms vorherigen Büchern »Allein unter Deutschen«, »Allein unter Juden« und »Allein unter Amerikanern« gefällt der unbeschwerte, pointierte und polemische Schreibstil. Wer allerdings vermutet, die neueste Reportage verliere aufgrund ihrer Ähnlichkeit zu den vorherigen so langsam an Ausgefallenheit, liegt nicht falsch. Weil Tenenbom aufschlussreiche Einsichten in die deutsche Realität gibt, kann die Lektüre dennoch empfohlen werden.

Moritz Pitscheider

 

Tuvia Tenenbom: Allein unter Flüchtlingen. Suhrkamp, Berlin 2017. 234 Seiten, 13,95 Euro.

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