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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben iz3w 386 | Informelle Ökonomie Dan Diner: Ein anderer Krieg. Das jüdische Palästina und der Zweite Weltkrieg 1935 – 1942.

Dan Diner: Ein anderer Krieg. Das jüdische Palästina und der Zweite Weltkrieg 1935 – 1942.

Peripherie des Holocaust

In seinem neuen Buch Ein anderer Krieg. Das jüdische Palästina und der Zweite Weltkrieg 1935 – 1942 unternimmt der deutsch-israelische Historiker Dan Diner einen spannenden Perspektivwechsel. Gewöhnlich wird der Zweite Weltkrieg in deutschen Publikationen auf einen europäischen Kontinentalkrieg reduziert, der mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 beginnt und mit der Eroberung Berlins durch die Rote Armee und der Kapitulation Nazi-Deutschlands in Berlin am 8. Mai 1945 endet. Diner hingegen betreibt Globalgeschichte und betrachtet den Zweiten Weltkrieg nicht nur aus der Perspektive der jüdischen Gemeinschaft im Britischen Mandatsgebiet Palästina, sondern ordnet ihn auch in die kolonialen Machtkonstellationen und antikolonialen Kämpfe der 1930er- und 1940er-Jahre ein. Dabei nimmt er strategische Planungen, Kriegsschauplätze, Ressourcen und immer auch Versorgungswege außerhalb Europas in den Blick, die aufgrund der Fokussierung auf Schlachten oft vernachlässigt werden. Insbesondere dem Indischen Ozean spricht Diner eine enorme Bedeutung bei der Versorgung von drei Kriegsschauplätzen zu. So konnten die USA über dieses sogenannte britische Binnenmeer gleich drei Akteure im Kampf gegen Nazi-Deutschland und dessen Verbündete unterstützen: Die Rote Armee im Süden via Iran; die Armeen Chiang Kai-sheks in China via den indischen Subkontinent; und über das Rote Meer die britischen Truppen Bernard Montgomerys in ihrem Kampf gegen Generalfeldmarschall Erwin Rommel in Ägypten.

Überdies verdeutlicht Diner anhand der Deportation und Ermordung der Juden und Jüdinnen von Rodos und Kos im Sommer 1944 »den absoluten Charakter« des deutschen Vernichtungsantisemitismus. Die Juden und Jüdinnen der griechischen Inseln mussten die größte Distanz bis zu den Vernichtungslagern zurücklegen. Ihre Vernichtung hatte trotz der verheerenden deutschen Kriegssituation »offenbar Vorrang«. Ferner zeigt Diner, wie knapp Palästina während der britischen Mandatszeit einer Eroberung durch die Achsenmächte entkam und wie kurz die Distanz zwischen dem Mandatsgebiet und der »Peripherie des Holocaust« war. So verursachten im Sommer 1941 deutsche Luftangriffe auf Haifa und Tel Aviv zahlreiche Todesopfer, die laut Diner im Yishuv ähnlich verdrängt wurden wie die Tatsache, dass diese Städte im Falle einer britischen Niederlage in Ägypten schutzlos den Nazis ausgeliefert gewesen wären.

Diners Buch erweitert den Blick auf den Zweiten Weltkrieg. Es verdeutlicht, dass die britische Loyalität – primär aus taktischen Gründen – auf Seiten der arabischen Bevölkerung Palästinas lag. Letztendlich bewahrte aber der Ausgang der Schlacht von El-Alamein und eine von der Kolonialmacht geführte Truppe die Juden und Jüdinnen Palästinas vor dem wahnhaften Antisemitismus der Deutschen und ihrer sicheren Vernichtung.

Patrick Helber

 

Dan Diner: Ein anderer Krieg. Das jüdische Palästina und der Zweite Weltkrieg 1935 – 1942. DVA, München 2021. 352 Seiten, 34 Euro.

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