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Merten Lagatz, Bénédicte Savoy und Philippa Sissis (Hg.): Beute. Ein Bildatlas zu Kunstraub und Kulturerbe

Welchen Weg nimmt die Raubkunst?

Translokation – mit dem aus der Humangenetik stammenden Begriff beschreiben die Autor*innen die Verlagerung von materiellen Zeugnissen einer Kultur. Mit dem Buch Beute. Bildatlas zu Kunstraub und Kulturerbe, das sich aus über achtzig jeweils vierseitigen Beiträgen zusammensetzt, wird dieses Phänomen verfolgt. Zu Beginn steht dabei immer eine Abbildung translokalisierter Kulturobjekte, anhand derer die Autor*innen fragen: Wer schreibt die Geschichte der Kunst? Wie wurden die Gegenstände zu Objekten der Begierde? Welche Bildlogiken werden deutlich? Damit reflektieren sie über kollektive Gedächtnisse im Umgang mit Kunstobjekten, analysieren die Perspektiven der Raubenden und gehen auf die Wahrnehmung der Beraubten ein. Dabei arbeiten sie die Erfahrungen beider Seiten wie Verlust, Aneignung oder Protest heraus.

Das ausgewählte Bildmaterial ist breit gefächert. Es reihen sich Fotografien antiker Monumente und Gemälde neben Karikaturen oder einen Filmstill aus dem Marvel-Film Black Panther. Die abgebildeten Objekte stammen zumeist aus Beutezügen der bekannten imperialen Großmächte, wie Napoleons Raubzug in Deutschland, dem Nazi-Kunstraub in Frankreich oder der Verschleppung koreanischer Kunst während der japanischen Besatzung. Durch die Bildanalyse wird das bewusste An-sich-nehmen von Kulturgütern als ein Leitmotiv verdeutlicht, bei dem aus der Position des Nehmenden der Raub als vermeintliche ‚Rettung‘ des Kunstwerks gerechtfertigt wird. Gleichzeitig verleihen die Großmächte hierdurch ihren hegemonialen Herrschaftsansprüchen Ausdruck.

Die Reihenfolge der Kapitelüberschriften ist chronologisch am Weg der Objekte orientiert: Beginnend bei I. »nehmen, transportieren« über II. »ankommen, aneignen« bis hin zu V. »protestieren, fordern« und VI. »zurückgeben, wiederankommen«. So erweckt die Reihenfolge der Kapitelüberschriften beim Lesenden den Eindruck, die Menschheit sei beim Kapitel der Wiederkehr (also der Restitution) der Objekte angekommen.

Der Bildatlas bietet insgesamt einen wichtigen und multiperspektivischen Überblick über den gesellschaftlichen Umgang mit Kunstraub in Vergangenheit und Gegenwart. Die Autor*innen legen bis heute anhaltende Argumentationsmuster im Kontext von Raubgütern offen. Damit stoßen sie vor dem Hintergrund der aktuellen Restitutionsdebatte zur Reflexion über den Umgang mit Raubkunst an.

Joana Gorman

 

Merten Lagatz, Bénédicte Savoy und Philippa Sissis (Hg.): Beute. Ein Bildatlas zu Kunstraub und Kulturerbe, Matthes & Seitz, Berlin 2021. 389 Seiten, 38 Euro.

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