Portait von Georges Bensoussan 2010 in schwarz-weiß
Portait von Georges Bensoussan | Georges Bensoussan ist ein französischer Historiker, 1952 in Marokko geboren. Er ist Spezialist für europäisch-jüdische Geschichte und beschäftigt sich mit Antisemitismus, der Shoah, dem Zionismus und den Problemen der Erinnerung. Er ist Chefredakteur der Revue d'histoire de la Shoah und redaktioneller Leiter des Mémorial de la Shoah (Paris) | Foto: Claude Truong-Ngoc | cc-by-sa-3.0

»Warum wird dazu über­wiegend ge­schwiegen?«

Interview mit Georges Ben­soussan über arabisch-muslim­ischen Antisemi­tismus

Die Gründung des Staates Israel und der Nahostkonflikt sind nicht ursächlich für die antisemitischen Tendenzen in der muslimisch-arabischen Welt. Denn diese haben eine weitaus länger zurückreichende Geschichte. Der Historiker Georges Bensoussan behandelt diese Geschichte in seinem neuesten Buch »Die Juden der arabischen Welt – Die verbotene Frage«. Ein Gespräch über Dhimmi, den Nahostkonflikt und die aktuelle Situation von jüdischen Menschen in arabischen Ländern und in Frankreich.

Das Interview führte Eva-Maria Österle

15.11.2020
Veröffentlicht im iz3w-Heft 381
Teil des Dossiers Antisemitismus

iz3w: Wie würden Sie die Situation der Jüdinnen und Juden in der arabischen Welt zusammenfassen?

Georges Bensoussan: Von etwa 800.000 bis 900.000 Jüdinnen und Juden, die 1945 in der »arabischen Welt« lebten, sind kaum noch welche übrig. Schätzungen zufolge leben in Marokko heute rund 3.000 Juden und Jüdinnen, in Tunesien vielleicht tausend. In Algerien, Libyen oder in Syrien gibt es gar keine jüdischen Gemeinschaften mehr. In Ägypten und im Irak leben noch eine Handvoll alter Menschen. Diese Entwurzelung einer Zivilisation, die zum Teil zweitausend Jahre alt ist, wirft die Frage auf, warum dazu überwiegend geschwiegen wird.

Der Titel Ihres jüngsten Buches lautet »Die Juden der arabischen Welt. Die verbotene Frage«: Warum sprechen Sie von einer verbotenen Frage?

Genau wegen diesem Schweigen. »Die verbotene Frage« ist in dem Sinne zu verstehen, dass es eine Frage ist, die nicht so oft gestellt wird, um erworbene Gewissheiten nicht zu stören. Die Entwurzelung der jüdischen Welt in arabischen Ländern hat leider oft die Form von ethnischen Säuberungen angenommen, begleitet von gigantischen Plünderungen. Trotzdem wird in einem weit verbreiteten Denken die »arabische Welt« – die als Ganzes bezeichnet wird – im Wesentlichen als Opfer angesehen (des Kolonialismus, des Imperialismus, des Westens und so weiter). Reduziert auf diese feste und damit phantasmatische Figur, kann die sogenannte arabische Welt gar nicht anders gesehen werden. Das heißt, nicht als freier Akteur der Geschichte und damit – in diesem speziellen Fall –, als eine auch unterdrückende, versklavende und rassistische Welt. Wir sehen dies an der jüdischen Bevölkerung, aber auch, wenn es um Sklavenhandel geht, der nicht auf die westliche Welt beschränkt war (siehe dazu iz3w 380).

»Die Menschheits­geschichte, dieses kalte Monster, mag keine Opfer«

Diese Vorstellung ist Teil einer kindlichen Spaltung der Welt, die sie auf binäre Gegensätze reduziert: gut und schlecht, rein und unrein, etc. Jedes Denken, das etwas essentialisiert (in diesem Fall die »Opfer«), verhindert den Blick auf die Komplexität historischer Situationen. Wie jeder Bereich der Zivilisation ist die »arabische Welt« grundlegend weder unschuldig noch schuldig. Sie befindet sich, wie wir alle, in historischen Situationen (im Sartreschen Sinne des Wortes*), weit entfernt von starren Realitäten und Haltungen.

Das muslimische Prinzip der »Dhimmitude« gilt als Ausgangspunkt für den sogenannten Schutzbefohlenen-Status und damit auch für die Legitimierung von Missachtung und Abwertung jüdischer Menschen in muslimischen Ländern. Welche Elemente finden sich im modernen Antisemitismus wieder?

Der Status der Dhimmi* förderte den Antijudaismus in arabisch-muslimischen Ländern, kann aber nicht darauf beschränkt werden. Es ist notwendig, die Figur des Juden im Koran, insbesondere in den späteren (medinensischen) Suren, in der Sunna und den Hadithen – in einem Wort: in der Tradition, wie sie gelehrt wird – zu berücksichtigen. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts übernahm dieser Antijudaismus zusätzlich eine Reihe von Themen aus dem christlichen Antisemitismus, insbesondere durch christliche Araber*innen. Diese Entwicklung verstärkte sich in den 1920er Jahren mit Beginn des Konflikts in Palästina und der Verbreitung der »Protokolle der Weisen von Zion«, die 1926 ins Arabische übersetzt wurden.

Grundsätzlich gibt es zwei Formen der Rezeption des Dhimmi-Status: In westlichen Gesellschaften mit großen arabisch-muslimischen Gemeinschaften, die häufig nordafrikanischen Ursprungs sind (wie in Frankreich, Belgien und den Niederlanden), bleibt der rechtlich veraltete Dhimmi-Status oft als mentale Realität bestehen. Für manche scheint es bisweilen schwierig, die absolute Gleichheit des jüdischen Subjekts anzuerkennen, frei von jener Abwertung und Verachtung, die seine Existenz in der traditionellen Kultur des Maghreb umgaben.

»Jüdisches Leben in Frank­reich wird zunehm­end un­sichtbar«

Und diese Situation ist im Westen umso schwieriger zu bewältigen, als die jüdischen Minderheiten, die aus dem Maghreb stammen, in Frankreich selbst gut integriert sind und häufig gehobene kulturelle und soziale Positionen einnehmen. Gegen diese soziale Realität steht das alte Bild des marginalisierten maghrebinischen Juden. Ausgehend davon verschärft sich die Konfliktsituation durch das Gefühl eines Teils der Franzosen und Französinnen nordafrikanischer Herkunft, selbst Opfer von Diskriminierung, eines »systemischen Rassismus«, wenn nicht gar »Staatsrassismus« zu sein. Folglich erscheint in Frankreich – dem Land, das die größte jüdische Gemeinde in Europa und die größte arabisch-muslimische Gemeinde zusammenbringt – die gegenwärtige Realität als ein umgekehrtes Bild des Maghreb aus einer anderen Zeit, als der »Jude«, als wer auch immer er angesehen wurde, für einige ein Dhimmi blieb und für andere ein oft verachteter »Eingeborener«.

Zu diesem Erbe der Dhimmitude im Westen kommt ein zweites Element hinzu, das sich aus der Geopolitik des Nahen Ostens ergibt. Wenn der alte Status des Dhimmi den »Juden« geistig zu einem illegitimen Wesen macht, weil er der Botschaft seiner Propheten untreu ist, ist der Staat, den die Jüdinnen und Juden unter dem Namen Israel konstituieren, daher ebenso illegitim. In der muslimischen Eschatologie ist ein Sieg der Juden über die Muslime eine Gotteslästerung und daher undenkbar. Wir können uns daher nicht vorstellen, dass jüdische Souveränität ausgeübt wird, auf einem Boden, der in einem mentalen System als immerfort muslimisch angesehen wird, in dem das jüdische Subjekt prinzipiell jeglicher Souveränität beraubt ist. Damit meine ich, dass der »Jude« im mentalen Apparat der arabisch-muslimischen Welt im Wesentlichen ein abgewertetes Subjekt ist, ein Minderwertiger, der in seinem Status eng mit dem der Frau verwandt ist.

Dies ist die wichtigste anthropologische Blockade und gleichzeitig jene, die am wenigsten beachtet wird bei den Fragen um den israelisch-arabisch-palästinensischen Konflikt. Sie können versuchen, alle materiellen Fragen zu lösen: Grenzen, Siedlungen, »Flüchtlinge« (in Anführungszeichen, weil dieser Konflikt den einzigartigen Fall von »erblichen Flüchtlingen« hervorbringt), doch solange diese anthropologische Blockade als Teil einer größeren muslimischen Eschatologie nicht gebrochen wird, bezweifle ich die Möglichkeit eines Friedens der Herzen, der nicht nur ein Vertrag der Nichtangriffe ist.

Sie erwähnen in Ihrem Buch das Projekt Aladin*, dessen Ziel es ist, die Geschichte des Holocaust in arabisch-muslimischen Ländern bekannt zu machen. Welche Bedeutung messen Sie einem solchen Projekt bei?

An sich ist jedes Projekt zur Wissensverbreitung willkommen. Umso mehr, wenn es um ein Thema wie die Geschichte der Shoah geht, das in der arabischen Welt fast verboten ist. Aber die Hölle ist mit guten Absichten gepflastert. Deshalb ist es notwendig, die Ziele der Projektträger des Aladin-Projekts und den Preis zu kennen, den sie bereit sind zu zahlen, um das Wissen über die Geschichte der Shoah in der arabischen Welt zu fördern.

»Manch­mal haben wir das Ge­fühl, in eine von Traurig­keit belagerte Welt ein­zutreten«

Sollten wir die Geschichte der Jüdinnen und Juden auf arabischem Boden ignorieren, um zu diesem Thema gehört zu werden? Insbesondere die Geschichte ihrer jüngsten Entwurzelung und massiven Zerstörung? Dann wäre der Preis außerordentlich hoch und alles würde so geschehen, als ob wir uns zugunsten der Förderung der Geschichte Europas darauf einigen, die Geschichte der Jüdinnen und Juden des »Orients« in Vergessenheit geraten zu lassen.

Ist es außerdem wichtig, Anerkennung, Rücksichtnahme und Mitgefühl gewinnen zu wollen, um die arabische Welt auf diese Geschichte aufmerksam zu machen? Wenn ja, wäre das naiv, denn politisch gesehen wird durch Mitleid weder Respekt noch Anerkennung erlangt. Die Menschheitsgeschichte, dieses kalte Monster, mag keine Opfer. Der intellektuelle Zionismus der 1880er und 1930er Jahre hat dies verstanden und hat mit der diasporischen Besessenheit gebrochen, »akzeptiert« und »geliebt« werden zu wollen. Die Zionisten vor Ort, von Berl Katznelson bis David Ben-Gurion, sahen darin ein Zeichen der Schwäche. Dieses Stigma des diasporischen Zustands bleibt jedoch auch heute noch sehr lebendig und lässt von Generation zu Generation vergessen, dass Respekt auch von der Bestätigung dessen abhängt, was man ist. Der Wunsch, im Einklang mit dem Einheitsdenken der Mehrheit zu sein, eröffnet den Weg für politische Fehler und Feigheit des Verhaltens.

Sie leben in Frankreich. In den letzten Jahren wurden aus antisemitischen Motiven zahlreiche Angriffe auf Juden und Jüdinnen verübt, einige Bürger*innen jüdischen Glaubens wurden sogar ermordet. Welche Rolle spielt hierbei Ihrer Meinung nach arabisch-muslimischer Antisemitismus? Und wie schätzen Sie die aktuelle Situation der Juden und Jüdinnen in Frankreich ein?

Es wäre falsch anzunehmen, dass Antisemitismus ausschließlich von der arabisch-muslimischen Bevölkerungsgruppe ausgeht. Ich erinnere nur an 2008 und 2011, als wider Erwarten und trotz der Weltwirtschaftskrise und dem Skandal um Dominique Strauss-Kahn, die Zahl antisemitischer Übergriffe nicht angestiegen ist. Aber eine ungehemmtere Sprache hat den älteren französischen Antisemitismus abgelöst. Dieudonné und Soral* unterstützen sich gegenseitig und diese Gegenseitigkeit ist ein elementarer Teil des französischen Antisemitismus. Jedoch darf hierbei nicht die Rolle der extremen Linken vergessen werden, die zumindest bis zur Dreyfus-Affäre relevant war und heute unter dem Eindruck des Antizionismus wieder aufscheint, das heißt die Verabscheuung Israels und auch bei einigen die Besessenheit von Israel.

Um Ihre Frage nach arabisch-muslimischem Antisemitismus genauer zu beantworten: Seit 2002 wurden zwölf Personen getötet, allein aufgrund der Tatsache, dass sie jüdisch waren – alle von Menschen muslimischen Glaubens. Zählen Sie die vier Juden und Jüdinnen hinzu, die von einem in Frankreich geborenen Moslem im Jüdischen Museum in Brüssel getötet wurden, sind es sechzehn. Der physische Antisemitismus, der angreift und übergriffig wird, stammt ausschließlich aus diesem Lager. Dieser Antisemitismus war auch ausschlaggebend dafür, dass jüdische Kinder öffentliche Schulen mieden (was zu einer Ausweitung des jüdischen Bildungssystems geführt hat), Familien veranlasste, bestimmte Bezirke wie beispielsweise Seine-Saint Denise zu verlassen (ein Weggang von etwa 80 Prozent in zehn Jahren). Dies ist nicht der Antisemitismus in den schönen Vierteln der alten französischen Rechten.

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Heutzutage ist die jüdische Bevölkerung in Frankreich gefangen zwischen der Gewalt der Einen und der Realitätsverweigerung der Anderen, die sich zusammensetzen aus der (linken) politischen Elite und einer kulturell und medial affinen Gruppe, die zwar nicht groß, aber einflussreich ist.

Wir erleben erneut eine Marranisierung* jüdischen Lebens. Dieses wird zunehmend unsichtbarer, religiöse Symbole werden diskreter und unscheinbarer. Zahlreiche Synagogen, Schulen und Kulturzentren schützen sich mit Sicherheitstoren und statten sich mit Überwachungskameras aus, Wachpersonal ist obligatorisch. Manchmal haben wir das Gefühl, in eine von Traurigkeit belagerte Welt einzutreten, die von einer tief zugrundeliegenden Angst genährt wird – eine quälende Angst für viele Juden und Jüdinnen, die ihre Zukunft weit entfernt sehen von dem Land, das sie lieben. In den vergangenen zwanzig Jahren sind 60.000 Juden und Jüdinnen von Frankreich nach Israel ausgewandert. Hinzu müssen auch die (nicht erhobenen) Zahlen derer gerechnet werden, die in die USA, nach Kanada oder Australien emigriert sind. Diese Migrationsbewegung hat zur Folge, dass vormals dicht besiedelte, belebte jüdische Gemeinden und Viertel im Niedergang begriffen sind. Das betrifft nicht nur die Pariser Vororte, sondern auch Städte wie Toulouse.

Um diese Verunsicherung zu verstehen, muss man sie in den Kontext der allgemein herrschenden Unordnung bringen, mit der die französische Bevölkerung konfrontiert ist: der Zerfall der Nation und der Zerfall staatlicher Autorität. Zudem stehen die Franzosen und Französinnen dem gegenüber, was manche die »Brutalisierung« der Gesellschaft nennen. Diese »Barbarei« wird befördert von Faktoren wie der Globalisierung, dem kapitalistischen System und der Tyrannei des schnellen Profitmachens. Die fortschreitende Verlassenheit der Jüdinnen und Juden Frankreichs ist Teil dieses düsteren Bildes.

Das Interview führte Eva-Maria Österle.

Übersetzung aus dem Französischen: Eva-Maria Österle und Emilie Pfeffer (beide iz3w).

Georges Bensoussan wurde 1952 in Marokko als Sohn einer jüdischen Familie geboren, die nach Frankreich auswandern musste. Er lebt in Paris. Der Historiker ist spezialisiert auf die jüdische Geschichte Europas und hat sich mit den Themen Antisemitismus, Shoah und Zionismus beschäftigt. Er ist Chefredakteur der französischen Zeitschrift »Revue d’Histoire de la Shoah« und redaktioneller Leiter der Shoah-Gedenkstätte in Paris. Seiner Veröffentlichung »Die Juden der arabischen Welt. Die verbotene Frage.« (2017, deutsche Übersetzung 2019 erschienen bei Hentrich & Hentrich) ging 2012 der Titel »Juifs en pays arabes: Le grand déracinement 1850 – 1985« (Juden in arabischen Ländern: Die große Entwurzelung 1850 – 1985) voran.

Dieser Artikel ist erschienen im iz3w-Heft Nr. 381 Heft bestellen
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