»Den Militärs gefällt es nicht, wenn man in Europa schlecht über sie spricht«

Die Mütter der »Falschen Positiven« kämpfen für Wahrheit und Gerechtigkeit

Audiobeitrag von Julia Duffner

10.01.2024

Am 28. Oktober traf der südnordfunk, Rubiela Giraldo und Jaqueline Castillo, zwei Frauen aus Kolumbien, die sich für Gerechtigkeit und Aufklärung einsetzen. Jaqueline und Rubiela, vertreten die Organisation MAFAPO – Madres de los Falsos Positivos (ütter der falschen Positiven). Sie repräsentieren Frauen in Kolumbien, die gegen Ungerechtigkeiten kämpfen, die in der Zeit des Bürgerkrieges verübt wurden. Die Organisation thematisiert Gräueltaten der kolumbianischen Armee zwischen 2002 und 2008, bei denen junge Männer durch falsche Versprechen aus ihren Gemeinden gelockt und später getötet wurden, wobei sie vorsätzlich fälschlicherweise als Guerillakämpfer denunziert wurden.


Skript zum Audiobeitrag

Erstveröffentlichung im Podcast am 15.12.2023 | Erstausstrahlung On Air am 2. Janaur 2024 im südnordfunk # 116 auf Radio Dreyeckland

 

Rubiela Giraldo: Mein Name ist Rubiela Giraldo, die Mutter von Diego Armando Marín Giraldo, einem Jungen, der am 6. Februar 2008 aus dem Haus geholt wurde. Er wurde am 08. Februar 2008 ermordet, und ich fand ihn am 1.Oktober 2008 in Ocaña, Norte de Santander. Seitdem habe ich mich mit den Mamitas getroffen, den anderen Müttern. Als mein ältester Sohn den Körper seines Bruders abholen wollte, sagte man ihm, sein Bruder sei ein Guerillakämpfer gewesen und habe gekämpft. So hieß es im Bericht der kolumbianischen Nationalarmee. Doch sie waren es, die ihn ermordet haben. Also fragte mein Sohn, zu welcher Zeit sein Bruder ein Guerillakämpfer gewesen sei, da er gerade seinen Wehrdienst bei der Polizei absolviert hatte.

Ich habe Ende Oktober oder Anfang November bemerkt, dass die Mamitas in der Personería von Soacha zusammenkommen. Ich ging zur Personería und traf auf 19 Mamitas, weil 19 Jungen aus Soacha ermordet worden waren. Sie alle wurden aus ihren Häusern geholt, alle wurden als Guerillakämpfer ausgegeben, die im Kampf umkamen.

Jaqueline Castillo: Ich bin Jaqueline Castillo, die Schwester von Jaime Castillo. Er verschwand am 10. August 2008 und wurde am 12. August desselben Jahres tot in Ocaña aufgefunden, in Norte de Santander, zusammen mit den jungen Leuten aus Soacha, präsentiert als ein im Kampf getöteter Guerillakämpfer.

Warum haben sie sich auf diese Reise durch Europa gemacht und worauf möchten aufmerksam machen?

Jaqueline Castillo: Ich denke, dass die Reise hier in Europa sehr wichtig für uns ist, um diese Ereignisse weiterhin sichtbar zu machen. Wir wissen, dass selbst (bei uns in Kolumbien) und international immer noch geglaubt wird, dass die Ereignisse nicht wahr sind, dass es eine Erfindung war. Doch für uns ist es wichtig, dass die Wahrheit überall bekannt wird, weil wir wollen, dass dies nie wieder geschieht.

Was bedeuten die Verbrechen für Ihre Familien und Freunde?

Jaqueline Castillo: Die Frage betrifft alle Fälle: In der ordentlichen Justiz gab es nie Anhörungen oder Anklagen gegen diejenigen, die in der Ermordung unserer Familienangehörigen verwickelt waren.

Rubiela Giraldo: Wir haben diesen Kampf begonnen und gesagt, dass wir nicht schweigen werden. Niemand wusste, dass dies passierte. Es war eine systematische Praxis, die seit 2002 existierte. Wir haben das mit unseren Kindern erfahren, obwohl sie dachten, diese jungen Männer hätten keine Familie, oder dass niemand nach ihnen suchen würde.

Wie reagiert die kolumbianische Gesellschaft auf diese Fälle?

Rubiela Giraldo: Es ist eine Schande für die kolumbianische Gesellschaft zu wissen, dass die Armee unsere Söhne getötet hat.

Jaqueline Castillo: Diese Verbrechen waren ein landesweiter Skandal. Die Armee hat sie begangen, diejenigen, die das Leben der Bürger*innen schützen sollten.

Rubiela Giraldo: Es gab viel Unterstützung, insbesondere von Universitäten und Schulen. Die jungen Leute laden uns oft ein und wir halten viele Vorträge, vor allem an den Universitäten.

Was ist eure Rolle auf dem Weg zum Frieden?

Jaqueline Castillo: Unsere Rolle auf dem Weg zum Frieden in Kolumbien besteht meiner Meinung nach darin, zu diesem Frieden beizutragen, den wir dringend brauchen. Wir arbeiten bereits seit 15 Jahren daran, Gerechtigkeit zu suchen, die Wahrheit herauszufinden und Garantien dafür zu sammeln, dass sich das nicht wiederholt. Gleichzeitig haben wir uns darauf vorbereitet, uns zu versöhnen und zu vergeben. Um mit denjenigen zu arbeiten, die sich freiwillig stellen , obwohl sie diejenigen waren, die uns Schaden zugefügt haben. Denn wir sind der Meinung, dass wir nicht im Hass, nicht in der Wut oder im Groll verharren dürfen. Wir müssen vergeben und nach vorne schauen, um unseren Jugendlichen eine bessere Zukunft zu ermöglichen.

Transparent von Mafapo über die »Falsos Positivos« im Veranstaltungsraum vor leeren Stühlen
Transparent von Mafapo über die »Falsos Positivos« | Foto: Julia Duffner

Wie war es mit den Verantwortlichen der Morde in Anhörungen zu sprechen?

Rubiela Giraldo: Mit einigen Militärs wurden Prozesse durchgeführt. Tatsächlich habe ich nicht das Gefühl, dass sie die volle Wahrheit gesagt haben. Sie sagen, dass sie Befehle erhalten hätten, dass ihnen gesagt wurde, was sie tun sollen. Und sie schieben sich immer gegenseitig die Schuld zu. Sie beschuldigen keine Person direkt. Obwohl sie an anderen Orten darüber gesprochen und gesagt hatten, dass der Ex General Montoya Uribe (bis 2008 Kommandeur der Colombian National Army) tatsächlich forderte, dass Blut fließen muss.Formularende

Jaqueline Castillo: Was ich sagen möchte, ist, dass wir bei verschiedenen Zeuginnenaussagen vor dem Sondergerichtsbarkeit für den Frieden JEP (Jurisdicción Especial para la Paz) bemerkt haben, dass sie die Wahrheit nicht vollständig preisgeben. Sie kommen mit Dokumenten in der Hand, und es fällt auf, dass die meisten Dokumente gleich aussehen. Da steht, wie sie es sagen sollen, bis wohin sie etwas sagen sollen, und was sie sagen sollen. Sie beschränken sich darauf, ihre Version zu erzählen, steigen jedoch nie darauf ein, zuzugeben, dass diese Befehle von einer höheren Instanz kamen.

Und was fordern Sie von der kolumbianischen Gesellschaft und der Regierung?

Jaqueline Castillo: Gerechtigkeit und Wahrheit und die Möglichkeit zu erfahren, wer den Befehl zu diesen Verbrechen gegebenhat.

Was fehlt noch für den vollkommenen Frieden in Kolumbien?

Jaqueline Castillo: Es fehlt noch viel zu einer Wahrheitsfindung, wirklich viel. Ich denke, im Moment gibt es einen politischen Willen. Präsident Pedro hat dazu aufgerufen, sich zu versöhnen, zu vergeben, die Feinde nicht zu hassen. Aber er sagte auch, dass wir wissen müssen, wer den Befehl zur Begehung dieser Verbrechen gegeben hat. Und ich denke, das trifft nicht nur auf diese Fälle von außergerichtlichen Hinrichtungen zu, denn wir arbeiten bereits am großen Fall des Paramilitarismus. Viele Opfer warten auf die Wahrheit von all den Ereignissen, die in Kolumbien erlebt wurden.

Warum ist es wichtig für euch, dass eure Stimmen in Deutschland gehört werden?

Rubiela Giraldo: Es ist wichtig, damit klar wird, dass dies keine Lüge ist, dass es nicht unwahr ist. Wir sprechen aus der Perspektive der Opfer, wir leben diesen Schmerz. Und auch mit der Zeit wird er nicht verschwinden. Also wollen wir Europa zeigen, dass dies auch Teil der vollständigen Wahrheit ist, und dass dieses Morden etwas Systematisches war, das in Kolumbien passiert ist.

»Es fehlen viele Richter*innen, um die Arbeit zu unterstützen.«

Jaqueline Castillo: Wir wissen jetzt, dass Deutschland den Prozess der Sondergerichtsbarkeit JEP (Jurisdicción Especial para la Paz) unterstützt. Daher ist es auch wichtig hier zu sagen, wie es wirklich war. Denn was die JEP berichtet, ist etwas anders als das, was wir als Opfer sagen. Ein Land wie Deutschland, das den Prozess der Sondergerichtsbarkeit unterstützt, sollte in der Lage sein, Ergebnisse zu fordern. Wir machen keine Fortschritte auf höchster Ebene. Es sind bereits fünf Jahre vergangen, und es verbleiben noch zehn Jahre für den JEP-Prozess. Über 3.000 Männer werden in den Anerkennungsanhörungen untersucht, und bisher gab es in jeder Anhörung nur 10, 11, 12 Soldaten. Wann kommen die anderen dran?

Glauben Sie, dass die Sondergerichtsbarkeit eine wichtige Arbeit auf dem Weg zum Frieden macht?

Jaqueline Castillo: Ich denke, sie haben wirklich wertvolle Arbeit geleistet. In der ordentlichen Justiz wurden nicht viele Fortschritte erzielt. Vor etwas mehr als drei Jahren wurden 6.402 dokumentierte »Falsos Positivos« zwischen 2002 und 2008 veröffentlicht. Diese Zahl konnte belegen, dass es sich um eine systematische Praxis handelte. In den Anerkennungsanhörungen wurde nachgewiesen, dass die Jugendlichen tatsächlich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen weggebracht und als vermeintliche Guerillakämpfer getötet wurden. Es wurden so Aussagen von Uribe widerlegt, der sagte, dass die Jugendlichen Kaffee ernten würden. Er sprach auch von einigen faulen Äpfeln in der Armee. Und heute wissen wir, dass mehr als 3.000 Männer untersucht werden. Es waren also keine »einzelnen faulen Äpfel«.

Ich denke, die geleistete Arbeit war positiv. Doch es fehlen viele Richter*innen, um die Arbeit zu unterstützen. Ebenso ist die Abteilung zur Suche nach verschwundenen Personen noch nicht voll besetzt. In Kolumbien dauert es manchmal über ein Jahr, um eine Leiche zu identifizieren. Vor Kurzem wurden 80 Leichen in der Gemeinde El Copey in Gewahr genommen, wo der Sohn einer der Frauen aus dem Kollektiv liegt. Wenn es also jedes Mal ein Jahr dauert, wird es uns nicht möglich sein, diese 80 Leichen zu identifizieren. Wir haben hier in Deutschland auch darum gebeten, Alternativen zu suchen. Wir brauchen Unterstützung von anderen Ländern, die bessere Technologie zur Identifizierung von Leichen haben.

Was glauben Sie, wer hat den Befehl gegeben?

Jaqueline Castillo: Es ist wahrscheinlich, dass Álvaro Uribe nicht gesagt hat: »Geht und sammelt alle Jungen am Wegesrand ein und tötet sie«.  Aber er hat eine Richtlinie geschaffen, bei der er die Militärs dazu ermutigte, gemäß den Ergebnissen vorzugehen: Die Militärs sagten, wenn sie die Toten zählten, hätten sie Vorteile wie Medaillen, Beförderungen, Urlaub und Geld erhalten. Für sie war also das Ergebnis wichtig: die Abschußrate.

Unser Besuch in Deutschland hat uns in vielem überrascht. Es war beeindruckend, ein Mahnmal zu besuchen und mehr Geschichte über den Zweiten Weltkrieg zu erfahren. Wir haben viel über die Dinge gelernt, die dort passiert sind. Wir werden ein Denkmal in Soacha errichten, mit Ausstellungsräumen für die Geschichte aller Opfer. Es wird Orte geben, an denen Workshops abgehalten werden können. Das Gebäude erhält sogar zwei Eingangstunnel, von denen es cool wäre, wenn einer davon den Weg für die Menschenrechte symbolisierte. Ich glaube, es wird ein ziemlich schöner Ort sein, zum Nachdenken über die Geschichte. Wir möchten, dass die Besucher*innen den Ort kennenlernen und viele Menschen, auch von außerhalb Kolumbiens, unsere Geschichten erfahren.

Und glauben Sie, dass die Arbeit gefährlich ist?

Jaqueline Castillo: Natürlich, ja, Mamita, weil wir militärische Vorgehen aufdecken und darauf aufmerksam machen. Den Militärs gefällt es nicht, wenn man in Europa schlecht über sie spricht.


 

Im Schatten des Friedens in Kolumbien

Im Dezember 2023 jährte sich der Friedensvertrag zwischen der kolumbianischen Regierung und der Guerilla Gruppe FARC zum siebten Mal. Das 2016 geschlossene Friedensabkommen zwischen den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens (FARC) und der kolumbianischen Regierung beendete 2016 einen 52 Jahre währenden bewaffneten Konflikt. Die Aufarbeitung der Verbrechen ist noch längst nicht abgeschlossen.

Die Mütter von MAFAPO setzen sich nicht nur für Gerechtigkeit für ihre Söhne und Brüder ein. Sie kämpfen auch dafür, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Ihr Slogan »¿Quién dio la orden?« (Wer gab den Befehl?) symbolisiert ihre Entschlossenheit für Transparenz, Wahrheit und Gerechtigkeit. In Kolumbien wurden zwischen 2002 und 2008 über 6.402 Personen, vorwiegend Jugendliche, von der Armee verschleppt, ermordet und als gefallene Guerillakämpfer inszeniert. Am 30. August 2023 erhob die Sondergerichtsbarkeit für den Frieden (JEP) Anklage gegen Ex-General Mario Montoya Uribe und acht weitere Militärangehörige wegen Kriegsverbrechen im Zusammenhang mit 130 »Falsos Positivos«. Der Fall zeigt den Erfolg des Einsatzes von MAFAPO.

MAFAPO war Ende 2023 auf einer internationalen Reise durch Deutschland (begleitet vom oeku Büro aus München), Spanien, Italien und England, um auf Missstände und Schwachstellen im juristischen Prozess und bei der Wahrheitsfindung aufmerksam zu machen.

Deutschland und die internationale Gemeinschaft spielen weiterhin eine entscheidende Rolle in der politischen, personellen und finanziellen Unterstützung des Friedensprozesses. Mit einem Anteil von neun Prozent an den Gesamtmitteln, die durch internationale Fonds fließen, wird die Umsetzung des Abkommens maßgeblich beeinflusst.

Bei dem Gespräch mit Rubiela Giraldo und Jaqueline Castillo offenbart sich eine enge Verknüpfung Deutschlands mit dem Friedensprozess. So wurde trotz schwerwiegender Menschenrechtsvorwürfe gegen die kolumbianischen Streitkräfte und Polizei im Jahr 2021 ein Kooperationsabkommen zur militärischen Verteidigung zwischen Deutschland und Kolumbien unterzeichnet. Die Einzelheiten dieses Abkommens bleiben trotz wiederholter Anfragen unklar, was Fragen zur Transparenz und Verantwortlichkeit aufwirft.

Das Interview führte und überssetzte Julia Duffner anlässlich des Besuches von MAFAPO in Aachen im Oktober 2023.

Unsere Inhalte sind werbefrei!

Wir machen seit Jahrzehnten unabhängigen Journalismus, kollektiv und kritisch. Unsere Autor*innen schreiben ohne Honorar. Hauptamtliche Redaktion, Verwaltung und Öffentlichkeitsarbeit halten den Laden am Laufen.

iz3w unterstützen