Scherenschnitt einer jungen Frau mit schwarzen Locken auf rotem Grund. Sie raucht, auf ihrem Gesicht zeichnen sich in weiß Mullah-Fuguren ab. In der rechten oberen Ecke steht A Girl from Sadir City
Illustration von Hajer Majeed zum Podcast »A Girl from Sadir City«

»Manchmal vergesse ich, dass ich ein Mensch bin, der Bedürfnisse hat«

Interview zur Situation arbeitender Frauen im Irak

Hajer Majeed hat 2019 die Workers Against Sectarianism (WAS) mitgegründet. Sie stammt aus Sadir City im Irak, betreibt den Podcast »A girl from Sadir City«, und arbeitet regelmäßig als Interviewerin und Autorin. WAS gründete sich im Zuge des Oktoberaufstands im Irak 2019 (iz3w 377), hat die damaligen Platzbesetzungen unterstützt und macht seither auf die Lebensbedingungen der prekarisierten Bevölkerung im Irak aufmerksam.

Das Interview führte Lilli Helmbold

02.01.2023
Veröffentlicht im iz3w-Heft 394

Lilli Helmbold: WAS hat im Frühjahr Interviews mit arbeitenden Frauen im Irak geführt und publiziert aktuell eine Artikelserie zu diesen Interviews. Wer sind die Frauen, mit denen ihr gesprochen habt?

Hajer Majeed: Wir haben mit insgesamt über fünfzig Frauen gesprochen. Vorrangig arbeiten sie in der Privatwirtschaft und oft auch im Niedriglohnsektor, wo sie von Missbrauch oder Gewalt der Milizionäre betroffen sind. Die meisten leben in Bagdad, aber wir haben auch Frauen in Basra, Nasiriya und Mossul getroffen. Starke Frauen, die dem patriarchalen System im Irak zum Opfer fallen und kein sicheres Leben führen können. Oft kann man das nicht mal richtig Leben nennen, es ist schlichtes Überleben.

Mit den Frauen zu sprechen, war oft sehr aufreibend und schwer auszuhalten. Ihre Löhne sind niedrig, ihr Umfeld toxisch – physisch wie psychisch, am Arbeitsplatz wie Zuhause. Und in der Öffentlichkeit wird kaum über ihre Situation gesprochen. Weder in den Medien noch in der Forschung spielen Frauen der Arbeiterklasse eine Rolle. Selbst progressivere Gewerkschaften richten ihre Tätigkeit allein auf männliche Arbeiter aus. Deshalb war es uns wichtig, mit den Frauen zu sprechen: Wir wollten ihnen zuhören und auf die Lebensrealität dieser Frauen und Mädchen aufmerksam machen, damit sie bestenfalls Hilfe bekommen.

Wie schätzt du nach diesen Gesprächen die allgemeine soziale und ökonomische Situation arbeitender Frauen im heutigen Irak ein?

Sie ist unterirdisch. Frauen haben häufig keine Möglichkeiten zur Ausbildung, ihr Lohn ist oft nur ein Bruchteil von dem ihrer männlichen Kollegen. Sie verdienen vielleicht 300 Dollar im Monat oder noch weniger, was nicht ausreicht, um genügend Essen und Kleidung zu kaufen. Dabei arbeiten sie wirklich sehr hart, nicht selten in mehreren Jobs gleichzeitig. Eine der Interviewten arbeitete zum Beispiel im Callcenter, im Kundendienst, war Rezeptionistin, Social-Media-Managerin und Fotografin. Wenn sie nach einer Schicht aus dem Büro kommt, arbeitet sie weiter, jeden Tag zwischen neun und zwölf Stunden, und das Ganze für einen Hungerlohn. Andere Frauen machen zwei Schichten hintereinander, wie Fatima Ali, eine junge Frau aus Basra, die immer von 11 bis 23 Uhr als Verkäuferin arbeitet. Hinzu kommt, dass im Prinzip alle Frauen, die verheiratet sind, sich um den Haushalt, ihre Kinder und zusätzlich oft noch um den Haushalt der Familie ihres Ehemanns kümmern müssen, weil sich viele kein eigenes Zuhause leisten können. Ich denke, das ist eine der Besonderheiten für arbeitende Frauen im Irak, diese dreifache Belastung durch Arbeit und Hausarbeit in zwei Familien. Eine der Frauen, mit denen wir gesprochen haben, Sanaa Fadel, die in einem Hotel arbeitet, hat es einmal auf den Punkt gebracht: »Wir arbeiten Tag und Nacht, und manchmal vergesse ich fast, dass ich ein Mensch bin, der andere Bedürfnisse hat als die der anderen Menschen.«

Was sind dabei spezifische Belastungen und Formen patriarchaler Gewalt, denen diese Frauen ausgesetzt sind und von denen sie euch erzählt haben?

Das fängt schon mit dem Weg zur Arbeit an, weil es auf der Straße häufig zu Belästigungen kommt, und geht dann auf der Arbeit weiter: Wird eine Angestellte sexuell belästigt und nimmt das nicht einfach so hin, wird sie schlicht gefeuert. Die meisten Frauen, mit denen wir gesprochen haben, kommen aus armen Verhältnissen, sind also auf ihre Arbeitsplätze sehr angewiesen. Die Frauen werden so vor die Wahl gestellt: ‚Entweder gibst du mir deinen Körper, oder du verlierst deinen Job‘. Ein junges Mädchen – sie war keine 18 Jahre alt – erzählte uns zum Beispiel, dass mehrere ihrer Kollegen sie bei der Arbeit bedrängten und tatsächlich versuchten zu vergewaltigen. Als sie ihrem Chef davon erzählte, um Schutz zu erhalten, wurde überhaupt nichts unternommen. An diesen Arbeitsplätzen ist jeder gegen Frauen.

Wie sieht es im häuslichen Bereich aus?

Für viele Frauen ist ihr Zuhause kein sicherer Ort und manchmal vielleicht noch gefährlicher als der Arbeitsplatz. Ich habe keine Vorstellung davon, wie es ist, wenn man von einem Angehörigen vergewaltigt wurde und weiter mit ihm unter einem Dach zusammenleben muss. Eine unserer Interviewpartnerinnen wurde von ihren Brüdern vergewaltigt und wird auch geschlagen, aber sie lebt immer noch im gleichen Haushalt und erhält keinerlei Unterstützung. Sie geht auch arbeiten und ist also Zuhause wie außerhalb ständig bedroht.

Außerdem haben wir mit einigen jungen Frauen gesprochen, die in ihrern Familien Milizmitglieder haben. Mit einem Milizionär zusammenzuleben, bedeutet dauernde Gefahr, denn ein Streit, nur ein Gespräch, könnte dich das Leben kosten. Diese jungen Frauen müssen sich vorsichtig hinausschleichen, um zur Schule oder Arbeit zu gehen, und setzen dabei ihr Leben aufs Spiel, nur um sich zu bilden und ein bisschen Lohn verdienen zu können.

Welche Bedeutung hat der politische Islam für die Arbeitsbedingungen und Lebensmöglichkeiten von Frauen im Irak?

Frauen sollten, einfach gesagt, zu Hause bleiben und zuerst ihren Vätern und dann ihren Ehemännern dienen. Streng genommen dürfen Frauen sich weder bilden, noch studieren oder arbeiten. Wir tun es trotzdem, aber unser Zugang zu Öffentlichkeit und Arbeit, unsere Bewegungsfreiheit und sozialen Beziehungen sind sehr stark mit Scham und einem schlechten Ansehen verbunden. In meinem Fall zum Beispiel wollte mein Vater, dass ich mit 15 Jahren heirate, anstatt zur Schule zu gehen. Ich musste täglich Prügel einstecken, nur um doch eine Schulbildung zu erhalten, um aufs College gehen zu können und schließlich zu arbeiten. Hätte ich mich da nicht durchgekämpft, würden wir beide heute gar nicht sprechen. Ich hätte nicht mal ein Telefon, weil mir das verboten wäre. Solche grundlegenden Rechte, wie eben ein Telefon zu haben, sich frei zu äußern, zu arbeiten, sich Zugang zu Bildung zu verschaffen – das haben wir als Frauen nicht.

Wie genau sieht diese Stigmatisierung aus?

Arbeitende Frauen werden mit vielerlei Gerüchten oder Stereotypen belegt: Sie seien maskulin, beschämend für die Familie und eine Konkurrenz für die Männer. Besonders an gemischten Arbeitsplätzen zu arbeiten, wird als moralisch verwerflich angesehen. In Berufen, die Teil der häuslichen Sphäre sind, werden Frauen noch am ehesten geduldet: in der Landwirtschaft mit Vieh oder Nahrungsmitteln zum Beispiel, oder als Lehrerin, immer möglichst voll bekleidet und ohne Make-Up. Möglichst ohne männliche Kollegen und ohne lange Arbeitszeiten: Wenn du nach 17 Uhr nach Hause kommst, giltst du eben als ‚Hure‘. Am schlimmsten ist es, wenn du arbeitest und alleinstehend oder geschieden bist, weil es dann keinen Ehemann gibt, der Kontrolle über dich ausübt. Wenn sich eine Frau im Irak scheiden lässt, wird ihr die Schuld gegeben. Sie wird als egoistisch und Schande angesehen, niemand kommt auf die Idee, dass sie vielleicht schlecht von ihrem Ehemann behandelt wurde.

In einem Interview mit der alleinerziehenden und geschiedenen Yusra Muhammed wurde das sehr deutlich: Sie arbeitet als Bäckerin in ar-Rutbar und verkauft ihr Brot auf dem Markt, um sich und ihren Sohn durchzubringen. Der Markt als öffentlicher Platz und ihr Beruf sind stark von Männern dominiert, sodass sie häufig Anfeindungen ausgesetzt ist – auch von anderen Frauen, die in ihr eine bedrohliche Verführerin ihrer Ehemänner sehen. Frauen sollen kontrollierbar sein, unterwürfig – aber nicht unabhängig, nicht mit eigenem Gehalt und eigener Bildung. Ich denke, dass es dabei auch darum geht, dass Frauen nicht erfolgreich sein sollten, um auf einer Ebene mit einem Mann verglichen werden zu können. Wobei das für uns Frauen, die wir arbeiten, gar nicht der Punkt ist: Wir tun das für uns selbst, um aus unserem toxischen Wohnumfeld rauszukommen und ein besseres Leben führen zu können.

Welche Auswirkungen hat all das auf die Frauen, und was braucht es, um ihre Lebensbedingungen zu verbessern?

Das alles übt enormen psychischen Druck auf die Frauen aus. Viele haben erzählt, wie sie sich andauernd wegducken müssen und oft lügen, weil ihre Familien das, was sie tun, nicht respektieren würden. Sie sind frustriert und erschöpft, und sollen darüber auch noch schweigen. Ich verstehe nicht, warum ich schweigen soll, mit verbundenen Augen hilflos, gefesselt, wertlos und nutzlos mein Leben einrichten soll. In erster Linie brauchen diese Frauen bessere Löhne, ein sicheres Zuhause und Zugang zu psychologischer Betreuung, um all die Traumata, die sie durchgemacht haben, bewältigen zu können. Ihnen muss zugehört werden, und sie müssen Solidarität erfahren, denn daran fehlt es hier.

Lilli Helmbold ist Mitglied in der translib. communistisches Labor Leipzig und der Zeitschrift Kunst Spektakel Revolution, neben ihrem Studium der Zeitgeschichte und der Arbeit als freie Lektorin und Journalistin. Mit den Workers Against Sectarianism steht sie seit dem Oktoberaufstand 2019 in Kontakt.

Hajer Majeed hat 2019 die Workers Against Sectarianism (WAS) mitgegründet. Sie stammt aus Sadir City im Irak, betreibt den Podcast »A Girl from Sadir City«, und arbeitet regelmäßig als Interviewerin und Autorin.

Dieser Artikel ist erschienen im iz3w-Heft Nr. 394 Heft bestellen
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