Blick in die Tagebaugrube bis in große Tiefe und soweit das Auge blicken kann in El Cerrejón - eine Kolumbien vorgelagerte Insel
Mondlandschaft in der Karibik. Der Tagebau El Cerrejón Hour.poing | CC BY-SA 3.0

»Das ist Extrak­tivismus, nur in grün«

Interview mit Andrea Cardoso über die Energiewende in Kolumbien

Kolumbiens linker Präsident Gustavo Petro versprach, die Förderung fossiler Energieträger einzustellen. Doch Steinkohle aus Kolumbien ist in der Engergiepreiskrise so gefragt wie noch nie. Gefördert wird sie auf der Halbinsel La Guajira im Norden des Landes. Während die Exporte steigen, rückt die Region auch für die Gewinnung von Wind- und Solarenergie in den Fokus internationaler Unternehmen. Über die energiepolitischen Konflikte in der kolumbianischen Karibik sprach die iz3w mit der Wirtschaftswissenschaftlerin Andrea Cardoso von der Universität Magdalena.

Das Interview führte Johanna Riemenschneider

09.03.2023
Veröffentlicht im iz3w-Heft 395
Teil des Dossiers Rohstoffe

iz3w: Auf La Guajira befindet sich mit El Cerrejón der größte Kohletagebau Lateinamerikas. Welche Auswirkungen hat der Kohleabbau auf das Leben der Menschen dort?

Andrea Cardoso: Eines der grundlegenden Probleme ist, dass für den Kohleabbau das Land indigener und afrokolumbianischer Gemeinden geraubt wurde. Die NGO PAX hat bereits in ihrem Bericht »Die dunkle Seite der Kohle« von 2014 angeprangert, dass etwa im Departamento Cesar Kohleunternehmen mit paramilitärischen Gruppen zusammengearbeitet haben, um Land gewaltvoll zu enteignen. Die lokale Bevölkerung leidet zudem gesundheitlich unter dem Bergbau. Die Kontaminierung von Luft, Böden und Gewässer ist ein ernsthaftes Problem. Bei Tagebauen mit der Dimension von El Cerrejón entstehen riesige Berge aus Tagebauabfällen. Dort wächst nichts mehr. Der Boden ist unfruchtbar.

Um die Kohle abbauen zu können, wird zudem Grundwasser abgepumpt, Flüsse trocknen aus. Aktuell gibt es große Proteste, weil ein weiterer Abschnitt des Arroyo Bruno, ein Nebenfluss des Rancherías, umgeleitet werden soll, damit in El Cerrejón noch mehr Kohle abgebaut werden kann. Für die dort lebenden Wayúu ist dieser jedoch eine wichtige lokale Wasserquelle. In vielen sogenannten Entwicklungsländern galt lange: Wir extrahieren Kohle und kümmern uns nicht um die ökologischen Auswirkungen, weil wir es für die Wirtschaft des Landes tun. Aber man muss die Regionen nur besuchen und man sieht die Armut und die ökologischen Folgen. Die meisten Menschen vor Ort haben nichts vom Bergbau, im Gegenteil: Er raubt ihnen die Lebensgrundlage.

Viele Umweltschützer*innen in Kolumbien werden bedroht und ermordet, unter anderem, weil sie gegen Kohleabbau protestiert haben. Wie sieht der Protest trotz dieser Bedrohungslage aus?

Eines der einschneidendsten Ereignisse war die Auflösung der afrokolumbianischen Gemeinde Tabaco in La Guajira im Jahr 2001, um den Tagebau erweitern zu können. Dagegen gab es große Proteste und die Räumung erfolgte schließlich unter enormer Gewaltanwendung der Behörden. Die Aktivist*innen erhielten zudem Drohungen von kriminellen und paramilitärischen Gruppen. Auch heute läuft das weiterhin so ab. Viele erhalten Nachrichten, in denen steht: Wenn du nicht aufhörst, für das Land zu kämpfen, dann bringen wir dich um. Die Regierung hat mittlerweile einen Plan für den Schutz von Aktivist*innen erarbeitet. Nur für sehr wenige von ihnen werden aber beispielsweise Leibwächter zur Verfügung gestellt. Auch im vergangenen Jahr wurden in Kolumbien über 200 Aktivist*innen ermordet.

Die neue Regierung unter Gustavo Petro verspricht, den Abbau fossiler Energieträger im Land zu beenden. Gleichzeitig steigen die Kohleexporte aus Kolumbien. Wie sieht die Kohlepolitik des Landes de facto aus?

Aufgrund der gegenwärtigen Energiekrise richten viele Staaten ihren Blick nach Kolumbien. Auch Deutschland ist ganz vorne mit dabei und belegt hinter der Türkei und den Niederlanden den dritten Platz als Importeur kolumbianischer Steinkohle. Petro ist auf internationaler Ebene beliebt, denn er thematisiert den Klimawandel. Seine Position ist, dass auch sogenannte Entwicklungsländer eine ökologische Schuld tragen. So hat die Regierung angekündigt, dass die Erschließung und Förderung von Erdöl gestoppt werden soll (siehe iz3w 393). Über die Kohleförderung besteht hingegen weniger Klarheit. Im Februar diesen Jahres wurde der neue nationale Entwicklungsplan verabschiedet, der ein Verbot für neue, »große« Bergbauprojekte vorsieht. Gleichzeitig werden laufende Abbaulizenzen nicht aufgehoben. Das bedeutet, dass in El Cerrejón noch bis zum Jahr 2034 abgebaut wird. Dann endet der Vertrag mit dem Schweizer Kohlekonzern Glencore. Im Departamento Cesar hat 2021 das Unternehmen Prodeco, die kolumbianische Tochtergesellschaft von Glencore, die vorzeitige Rückgabe der Bergbautitel für die beiden Tagebaue in Calenturitas und Jagua de Ibirico beschlossen. Eine zwischenzeitliche Schließung im Jahr zuvor hatte eine regionale Krise ausgelöst. Das Unternehmen will gehen, doch die bereits erfolgte Umweltzerstörung wird dadurch natürlich nicht einfach rückgängig gemacht.

Geringe Gebühren für Bergbaulizenzen

Werden in diesem Zusammenhang auch Forderungen nach Wiedergutmachung und Reparation lauter?

Aktivist*innen fordern, dass die Kohlekonzerne für die ökologischen Schäden und die Renaturierung des Abbaugebiets zahlen müssen. Es gibt große Debatten darüber, dass die Kohleindustrie nur geringe Gebühren für ihre Bergbaulizenzen zahlt und bisher überhaupt nicht für die sozial-ökologischen Folgen des Abbaus aufkommen muss. Das Problem ist dabei natürlich, dass es kein Gesetz gibt, das festlegt, dass Unternehmen finanziell für Umweltbelastungen aufkommen müssen. Es gibt auch kein Gesetz, das die Schließung eines Tagebaus reglementiert. Die Regierung arbeitet diesbezüglich gerade erst an einer Reform des Bergbaugesetzes. Es heißt immer wieder seitens des Kohleunternehmens Glencore, dass sie Gebiete ‚wiederherstellen‘ wollen. Das ist aber bisher nur in kleinem Umfang passiert. Außerdem besteht weiterhin das Problem des Landraubs, denn die Gebiete werden nicht an die indigenen Gemeinden zurückgegeben.

Blick auf ein Frachtschiff im Hafen von Puerto Bolivar in Kolummbien beim Verladen von Kohle (vogelperspektive)
Kurs auf Deutschland? Ein Frachter wird in Puerto Bolivar mit Steinkohle beladen. Über eine 150 Kilometer lange Normalspurbahn ist der Hafen mit der Mine von El Cerrejón verbunden. | Foto: Inf-Lite Teacher | CC BY 2.0

Was bedeutet die Rückgabe der Bergbautitel im Departamento Cesar für die Menschen?

Es gibt große Sorgen – auch wenn weitere Mienen des US-Konzerns Drummond bestehen bleiben – denn die regionale Wirtschaft ist stark abhängig vom Kohlebergbau. Dieses Jahr finden zudem Wahlen in den Gemeinden statt und Kandidat*innen fordern nun, die Minen wieder zu öffnen. Sie finden viele Unterstützer*innen. Die Regierung steht also unter Druck, schnell Alternativen zu finden. Es gibt ein regionales Programm, das den Strukturwandel begleiten soll. Es ist von der Förderung von Tourismus und Landwirtschaft die Rede, aber die lokale Bevölkerung sieht in der Landwirtschaft aufgrund der kontaminierten Böden und des Wassermangels nur geringe Zukunftschancen. Die Regierung betrachtet diese Region auch als Pilotprojekt für eine Transformation, denn wir erleben dort zum ersten Mal, dass ein Kohletagebau in Kolumbien schließt. Aber wir sehen auch, dass wir darauf bisher nicht vorbereitet sind.

Proteste gibt es nicht nur gegen den Kohleabbau oder wie in Cesar gegen die Schließung eines Tagebaus, sondern auch gegen Megaprojekte für erneuerbare Energien. Was wird dabei von den Protestierenden gefordert?

Aktuell gibt es in La Guajira Proteste gegen einen Windpark, denn die Gemeinden wurden in der Projektplanung nicht berücksichtigt. Sie haben keinerlei Vorteile von dem Projekt, die hier erzeugte Energie wird ihnen nicht zur Verfügung stehen, denn das Energiesystem in Kolumbien ist sehr zentralisiert. Regierungslinie ist die Energiewende im großen Stil. Nach wie vor fördert man lieber Großprojekte statt kleine Kooperationen. Im Mittelpunkt steht dabei die Karibikküste, an der es reichlich Möglichkeiten zur Gewinnung von Wind- und Solarenergie gibt. Aber soziale Bewegungen, NGOs und Wissenschaftler*innen kritisieren, dass sich diese Form der Energiewende an den Bedürfnissen der großen multinationalen Energiekonzerne orientiert. Das ist dann eben weiterhin Extraktivismus, nur eben in grün. Denn auch wenn Rohstoffe für erneuerbare Energiesysteme extrahiert werden, reproduziert dies das neoliberale System im Energiemarkt.

»Kohleunternehmen arbeiteten mit paramilitärischen Gruppen zusammen«


Hat die lokale Bevölkerung eine andere Vorstellung von der Energiewende als Petro?

Sie sprechen sich eher für eine sozial-ökologische Transformation aus: Das wirtschaftliche System muss geändert werden. Das beinhaltet auch das Ende des Extraktivismus jeglicher Art. Für die lokale Bevölkerung, die in den von Kohleabbau betroffenen Regionen lebt, bedeutet die Energietransformation vor allem der Ausstieg aus der Kohle, da sie Land, Gesundheit und Klima zerstört. Und natürlich sagen die Menschen in der Nähe des Tagebaus »Keep it in the ground!«. Nur ein sehr kleiner Prozentsatz von ihnen arbeitet in den Minen. Dort fordert man wirtschaftliche Alternativen. In Cesar beispielsweise wird verlangt, dass es Bildungsprogramme zu erneuerbaren Energien geben muss, damit sich die Menschen auf neue technische Berufe vorbereiten können. Die sozioökonomische Transformation, sagen sie, wird nur glücken, wenn es neue Ausbildungsmöglichkeiten gibt und wirtschaftliche Alternativen wie Agrarökologie und Tourismus besser gefördert werden.

Johanna Riemenschneider hat Soziologie und Geographie in Freiburg studiert. Sie ist in der iz3w sowie bei Radio Dreyeckland journalistisch tätig.

Dieser Artikel ist erschienen im iz3w-Heft Nr. 395 Heft bestellen
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