weißer Schriftzug Rassismus auf schwarzem Hintergrund

Gegen Rassismus schreiben

Rezensiert von Rita Schäfer

15.12.2022
Veröffentlicht im iz3w-Heft 389

Rassismus prägt den Alltag und ist allgegenwärtig – auch im Verhalten oder in Aussagen von Menschen, die behaupten, keine Rassist*innen zu sein. Das neue Sachbuch der Bayreuther Afrikanistin Susan Arndt, Rassismus begreifen, hält den Lesenden einen Spiegel vor. Arndt forscht seit vielen Jahren über rassistische Muster. Nun bietet sie eine differenzierte und dennoch gut verständliche Studie über rassistische Zuschreibungen und Bewertungen. Aus dem afrodeutschen Kolleg*innenkreis war vor allem Peggy Piesche eine wichtige Impulsgeberin. Ihr ist diese Neuerscheinung gewidmet.

Susan Arndt stellt klar: Rassismus reguliert ökonomische und politische Prozesse

Das in drei große Kapitel gegliederte Buch beginnt mit der Black Lives Matter-Bewegung, stellt dann begriffliche Grundlagen, kritische konzeptionelle Überlegungen und Strömungen des Rassismus vor. Dem schließt sich ein Kapitel über die Geschichte rassistischer Machtmuster und Herrschaftsformen an, das von der Antike über die Kolonial- und NS-Zeit bis in die Phase der Dekolonisierung und in den Kalten Krieg führt. Rassismus im geteilten Deutschland wird anschaulich beschrieben. Das dritte Kapitel befasst sich mit Manifestationen des hiesigen Rassismus nach 1990 und bietet dabei auch globale Verweise. In diesem Kontext geht es um die notwendige Aufarbeitung von Kolonialverbrechen sowie um Entschuldigungs- und Entschädigungsdebatten. Auch der institutionelle Rassismus und rassistische Alltagserfahrungen werden diskutiert. Das Sprechen über Rassismus und selbstkritische Reflexionen über Wortwahl und Benennungen werden in diesem Kapitel ebenfalls genauer behandelt.

Einer Liste mit hervorgehobenen Schreibweisen rassistischer Begriffe, die beim Lesen optisch zum Nachdenken auffordern, folgen ein Anmerkungsapparat und eine lange Literaturliste. Sie belegen den wissenschaftlichen Anspruch der Autorin, Strukturen aufzudecken, die in rassistischen Meinungen und Behauptungen zum Ausdruck kommen. Susan Arndt stellt klar: Rassismus reguliert ökonomische und politische Prozesse ebenso wie Wissenssysteme und Identitätszuschreibungen.

Das Buch ist so aufgebaut, dass es als großer Wurf verschiedene Epochen und Ausformungen des Rassismus vorstellt, aber auch zum wiederholten Lesen einzelner Kapitel einlädt, um daraus Rückschlüsse auf das eigene Verhalten als Privilegierte zu ziehen. Doch Appelle an jede*n Einzelne*n reichen nicht: Die Autorin fordert konkrete Änderungen der gesetzlichen und politischen Rahmenbedingungen sowie Umsetzungen von Rechtsreformen und personelle Neuerungen zur Überwindung der verbreiteten Diskriminierung. Schließlich sei Rassismus eine systematische Ideologie, die strukturell in Herrschaftspraxen verankert ist, weshalb Machtzentren selbst dagegen angehen müssen, lautet ein wichtiges Fazit.

Susan Arndt: Rassismus begreifen. Vom Trümmerhaufen der Geschichte zu neuen Wegen. C.H. Beck Verlag, München 2021. 477 Seiten, 24 Euro.

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