Filmstil aus »Dahomey«, Person betrachtet Kunstwerk
»Dahomey« von Mati Diop, Frankreich/Senegal/Benin 2024

Zurück nach Dahomey

Bei der 74. Berlinale gewinnt ein Dokumentarfilm über Raubkunst

Eigentlich wollte Mati Diop einen Spielfilm über Raubkunst drehen. Aber dann werden im November 2021 sechsundzwanzig Kunstwerke des Königreichs Dahomey aus Frankreich in ihr Herkunftsland, das heutige Benin, zurückgebracht. Die senegalesisch-französische Filmemacherin organisiert sofort die Logistik und Dreherlaubnisse für die dokumentarische Begleitung. Auf der Berlinale wurde die 41-Jährige nun für ihren essayistischen Dokumentarfilm »Dahomey« mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet.

von Isabel Rodde

29.04.2024

Das Musée du Quai Branly in Paris. Vier Jahre nachdem Präsident Emanuel Macron die Rückgabe afrikanischer Kulturgüter angekündigt hat, beginnen hier die Vorbereitungen für die Überführung der ersten Objekte.

»Dahomey« begleitet die Rückkehr der 1892 von französischen Kolonialtruppen geraubten Kunstschätze aus der Perspektive der Werke und gibt ihnen eine »innere Stimme«. Hauptprotagonist*in ist die Statue des Königs Gezo aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Kamera verfolgt, wie die Figur aus Holz und Eisen aus der Vitrine gelöst, herausgehoben und sorgfältig verpackt wird – ein klinisch-technischer und gleichzeitig auch feierlicher Prozess. Aber warum wird er nicht beim Namen genannt, fragt sich Gezo aus dem Off. Warum heißt es: »Nummer 26, Sie können jetzt gehen.« Den Text für die metallisch-futuristisch klingende »Stimme der Schätze« hat der haitianische Autor Makenzy Orcel geschrieben. Dann wurde der Text ins alte Fon übersetzt, die Sprache des früheren Königreichs Dahomey und Hauptverkehrssprache im heutigen südlichen Benin.

»Ist die Reise zu Ende?«

Der Empfang der Kunstwerke in Benins Regierungssitz Cotonou ist euphorisch. LKWs, geschmückt mit den Bildern der Kunstwerke, fahren an feiernden Menschen vorbei zum Präsidentenpalast. Begleitet von Gewehrsalven werden die Container auf einen roten Teppich herabgelassen. Der Kurator liest die Beschreibung vor: 220 kg, mittelmäßiger Status. »Ist die Reise zu Ende?«, fragt sich die Gezo-Statue, hin- und hergerissen zwischen der Angst, nicht erkannt zu werden und nicht zu erkennen. Aufmerksam beobachtet die Kamera die Vorbereitungen für die Ausstellungseröffnung: Handwerker, die letzte Malerarbeiten fertigstellen und andächtig die Statuen betrachten; SUVs, die mit Exzellenzen in feierlicher traditioneller Kleidung vorfahren; Kinder, die mit staunenden Augen vor den Vitrinen stehen.

Rückgabe der Beutekunst

Aber nicht alle feiern die Rückgabe der Beutekunst. Diop interessiert sich besonders für die Meinungen der jungen Beniner*innen und organisiert Diskussionen mit Studierenden in der Universität von Abomey-Calavi. Es kommen auch viele kritische Stimmen zu Wort. Ein junger Mann erklärt, für ihn seien die Kunstwerke nur »Zeugs«. Er sei mit Disney-Filmen aufgewachsen und hätte noch nie etwas von den Artefakten gehört. Eine junge Frau beschreibt, wie sie weinen musste, als sie die 26 Kunstwerke sah. »Von 7.000 Schätzen nur 26 zurückzugeben, das ist unverschämt.« Eine andere kritisiert, Macron würde nur Imagepflege betreiben, worauf wieder eine erwidert: »Freut euch doch über das Erreichte. Lasst uns dafür sorgen, dass der Rest auch noch kommt.« Auch die Rolle von Museen diskutieren die Studierenden kontrovers. Während die Einen Museen als westliche, koloniale Einrichtungen ablehnen, rufen die Anderen dazu auf, die eigene Kultur in den lokalen Museen kennen und lieben zu lernen.

Welche Rolle spielt die Rückgabe der Kunstwerke für die Aneignung der eigenen Geschichte? Wie kann man mit einem Verlust umgehen, den man gar nicht realisiert hat? In nur 67 Minuten gelingt es »Dahomey«, die afrikanische Perspektive auf Restitution (siehe iz3w-Online-Dossier zu Restitution) und Dekolonialisierung facettenreich zu beleuchten.

Bei der Preisverleihung erinnerte Mati Diop an Aimé Césaires »Rede über den Kolonialismus« von 1955: »Restitution heißt Gerechtigkeit.«

Isabel Rodde ist Beraterin und Journalistin. Sie lebt in Hannover.

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