Menschen in London demonstrieren für das Ende des Genozides in Palestina
Demonstration für die Solidarität mit Palästina in London Foto: Alisdare Hickson CC BY-SA 2.0 DEED

War es das?

Der Postkolonialismus hat nach dem 7. Oktober versagt

Nach dem antisemitischen Massenmord der Hamas am 7. Oktober zeugen viele (linke) Reaktionen von einem problematischen Verständnis des Postkolonialismus. Diese Strömung und Theorierichtung – die auch als postkoloniale Theorie oder Postcolonial Studies bezeichnet wird – hat ihre Verdienste. Für ein Verstehen des 7. Oktober hat sie jedoch mehr geschadet als genutzt.

von Udo Wolter

11.12.2023
Veröffentlicht im iz3w-Heft 400
Teil des Dossiers Nahostkonflikt

»Philosophy for Palestine«

Bereits wenige Tage nach dem Pogrom veröffentlichte die zunehmend als postkoloniale Stimme rezipierte Queer- und Gendertheoretikerin Judith Butler einen Text, der sich in seiner relativierenden Weise wie eine Blaupause für weitere linke Reaktionen liest. Butler verurteilt darin zwar mehrfach das »schreckliche und abscheuliche Massaker« der Hamas, will diese Verurteilung aber unbedingt in einen »Kontext« der Jahrzehnte währenden gewaltsamen Unterdrückung palästinensischen Lebens gestellt sehen. Nur durch Benennen der israelischen Gewalt als »Kontext« der Gewalttaten der Hamas wird laut Butler deren Bewertung erst möglich. Aber die »Grenzen des Sagbaren« im Sinne einer im Diskurs angeblich vorgeschriebenen pro-israelischen Positionierung würden das verhindern.

»Die Linke hat terrorisierte Juden im Stich gelassen«

»Kontextualisierung« bedeutet hier offenbar, die Gräueltaten der Hamas vor allem aus der Geschichte palästinensischer Unterdrückung durch Israel zu erklären. Aus dem Blick gerät dabei die vom Antisemitismus grundierte Geschichte der Muslimbruderschaft und der aus ihr entstandenen Hamas mit ihrem auf die Zerstörung Israels ausgerichteten Programm. Antisemitismus benennt Butler auch in einem Interview der Frankfurter Rundschau (FR) ausschließlich, um entsprechende Vorwürfe gegen sich selbst und Gleichgesinnte zurückzuweisen. Das israelische Regierungshandeln wird mit Attributen wie »Kolonialherrschaft«, »Rassismus«, »apartheidsartig« belegt. Die militärische Antwort Israels auf das Massaker bezeichnet sie als »Völkermord«.

Variationen dieser Argumentation finden sich in zahlreichen weiteren Stellungnahmen. Während Butler sich formal um eine Abgrenzung von der Hamas bemüht, gehen andere, teils von prominenten postkolonialistischen Stimmen unterzeichnete Apelle wesentlich weiter. So etwa an der Columbia University in den USA: Dort unterzeichneten zahlreiche Lehrende, darunter die Postkolonialismus-Ikonen Gayatri Spivak, Partha Chatterjee und Mahmood Mamdani, eine Erklärung, die das Pogrom vom 7. Oktober als »militärische Reaktion eines Volkes (…), das über viele Jahre hinweg erdrückende und unerbittliche staatliche Gewalt durch eine Besatzungsmacht ertragen musste« bezeichnet. Der Offene Brief »Philosophy for Palestine«, den neben Butler auch prominente Linke wie Etienne Balibar, Angela Davis und Nancy Fraser unterzeichneten, verharmlost das Pogrom der Hamas zum »Angriff« und bezeichnet in dürren Worten zivile Opfer beider Seiten als »unakzeptabel«, während gegen Israel das ganze Arsenal an Begriffsgeschützen von Apartheid bis Völkermord aufgefahren und am Ende im Sinn der BDS-Kampagne zum »akademischen und kulturellen Boykott Israels« aufgerufen wird.

Verwirrung um Israel

Es war genau dieser Brief, welcher die türkisch-jüdisch-amerikanische Philosophin Seyla Benhabib auf der Internetplattform Medium zu entschiedener Widerrede veranlasste. Sie wies zuerst auf den Grundirrtum hin, »den israelisch-palästinensischen Konflikt allein durch die Brille des »Siedlerkolonialismus« zu betrachten. Dies lasse »die historische Entwicklung der beiden Völker außer Acht. Zionismus ist keine Form von Rassismus, auch wenn die Handlungen und Institutionen des Staates Israel gegenüber der palästinensischen Bevölkerung im besetzten Westjordanland, in den Flüchtlingslagern und natürlich im Gazastreifen diskriminierend auf der Grundlage der Nationalität und nicht der Hautfarbe sind«. Sie gehört damit zu jenen vor allem jüdischen Stimmen der Linken, die sich, wie auch zuvor bereits die israelische Soziologin Eva Illouz, der antiisraelischen Wut entgegenstellen. Für Illouz, die, ebenso wie Benhabib, seit langem zu den schärfsten Kritiker*innen der israelischen Besatzungs- und Siedlungspolitik sowie der rechten Regierungsparteien um Netanjahu gehört, ist nach dem 7. Oktober das linke ‚Wir‘ zerbrochen. Sie schreibt: »Die Linke hat terrorisierte Juden in der ganzen Welt und in Israel schamlos im Stich gelassen.« Ähnlich fassungslose Gefühle bekunden auch deutsch-israelische Stimmen wie der Autor und Leiter der Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel, oder der Soziologe Natan Sznaider.

Es ist kaum abzustreiten, dass dieses intellektuelle Versagen bei der Deutung der kriegsursächlichen genozidalen Gewalt der Hamas auch massiv aus der postkolonial gestimmten Linken kommt (neben den erwartbaren Reaktionen aus dem antiimperialistisch gesinnten trotzkistischen und spätstalinistischen Spektrum). Deren Formeln vom »kolonialen Siedlerstaat« und »Apartheidsregime« fanden sich in aktivistischen »Decolonize Palestine!«-Parolen umgesetzt. Dem folgten Hamas-affirmative Tweets und Demo-Plakate à la »So sieht Dekolonisierung aus«, schlimmstenfalls garniert mit dem Meme eines Hamas-Gleitschirmfliegers im Terroreinsatz. Inspiriert wurden diese wohl auch durch akademische Äußerungen wie die des – einst durch prominente Postkolonialist*innen wie Edward Said und Partha Chatterjee in seine Position gelobten – Columbia-Professors Joseph Massad. Der Professor für Middle Eastern Studies bezeichnete einen Tag nach dem Hamas-Pogrom auf dem Portal »Electronic Intifada« die besagten Paraglider als »Luftwaffe des Widerstandes«. Er pries den »indigenen palästinensischen Widerstand« der Hamas als möglichen Beginn eines »Befreiungskrieges«.

Das wird von einem selektiven Blick auf Israel begleitet, der relevante Teile der Geschichte ausblendet. Der jüdische Staat und der Zionismus wurden nicht nur als Zuflucht vor antisemitischen Pogromen in Europa und dem Holocaust begründet. Er verstand sich anfangs durchaus auch als Befreiungskampf gegen die koloniale britische Mandatsmacht. Auch die Folgen des Israelischen Unabhängigkeitskriegs von 1948, bei dem die arabischen Staaten Israel sofort nach der Staatsgründung den Krieg erklärten, werden nur selektiv wiedergegeben. Der Fokus liegt auf der Flucht und Vertreibung von etwa einer dreiviertel Million Araber*innen. Die ähnlich hohe Zahl jüdischer Geflüchteter aus den arabischen Ländern wird ausgeblendet. Es braucht die Anerkennung von erlittenem Leid auf beiden Seiten.

Ein Blick auf die in den 1960er-Jahren verfassten Schriften des antikolonialistischen, tunesisch-jüdischen Soziologen und Schriftstellers Albert Memmi zu jüdischen Themen ist hierzu aufschlussreich. Dabei zeigt sich, dass es für ihn mindestens im gleichen Maße wie die Shoa die Enttäuschung über diese antisemitische Diskriminierung nach der Dekolonisation in Tunesien war, die ihn erschütterte. Der universalistisch und sozialistisch eingestellte Antikolonialist Memmi wurde zum überzeugten Anhänger des Zionismus. Diesen begriff er als antikoloniale, nationale Befreiungsbewegung.

Siedlerkolonialismus, Apartheid und Genozid

Israelische Politik hat durchaus auch kolonialistische Züge, etwa die Siedlungspolitik in der Westbank und natürlich bei der ideologischen Ausrichtung von Netanjahus rechtsextremen Koalitionspartnern Smotrich und Ben-Gvir. Das betont auch Seyla Benhabib und wirft diesen rechten Kräften vor, durch ihre Politik »Israel die schlimmste Katastrophe seit dem Holocaust beschert« zu haben. Sie befindet sich in Übereinstimmung mit zahlreichen regierungskritischen Israelis. Netanyahu wird hier vorgeworfen, aus verantwortungslosem Eigeninteresse die Herrschaft der Hamas im Gazastreifen stillschweigend toleriert zu haben, da dadurch jede Perspektive einer Zweistaatenlösung blockiert und seinen rechten Bündnispartnern die Fortsetzung ihrer expansiven Siedlungspolitik ermöglicht wurde. Das führte wiederum zur Eskalation der Situation im Westjordanland, was die Aufmerksamkeit und Sicherheitskräfte vom Gazastreifen abzog. Beides zusammen begünstigte die Vorbereitung und Durchführung des präzedenzlosen Terrorschlages vom 7. Oktober. Jedoch geht es dem postkolonialistisch inspirierten Aktivismus gegen Israel nicht um eine differenzierte Analyse israelischer Politik und Geschichte, sondern um die Delegitimierung des jüdischen Staates, wenn mit pauschalisierenden Formeln einer kolonialistischen Siedlungs- und Besatzungspolitik hantiert wird.

Ein Professor der Columbia-University pries den »indigenen palästinen­sischen Widerstand«

Genauso verhält es sich mit dem damit einher kommenden Vorwurf eines »Apartheidsregimes« in Israel. Dieser wird etwa im Amnesty-International-Bericht zu Israel von 2022 ganz unverblümt auf die gesamte Geschichte Israels seit 1948 ausgedehnt. Damit wird der jüdische Staat zu einem rassistischen Projekt erklärt. Andere Diskutierende wägen nach formalen völkerrechtlichen Kriterien kühl ab, auf welche spezifische israelische Politik in welchen palästinensischen Territorien der Apartheidsvorwurf zutrifft. Zumeist wird betont, dass dies keine Gleichsetzung Israels mit dem rassistischen Apartheidssystem in Südafrika sei, da ja (laut dem Römischen Statut des Internationalen Strafgerichtshofs von 1998) der Apartheidsbegriff von Südafrika abgekoppelt sei. Dieses Spezialistentum verfehlt jedoch den Kern der Sache: Der historische Resonanzraum des Begriffs Apartheid wird ausgeblendet. Apartheid ist international im kollektiven Gedächtnis untrennbar mit dem rassistischen Unrechtsregime in Südafrika verkoppelt. Deshalb schwingt unausgesprochen das »…muss weg« mit. Der Apartheidsvorwurf gegen Israel ist ein polarisierender Kampfbegriff.

Das gilt erst recht für den von postkolonialistischen Stimmen nun erhobenen Vorwurf eines israelischen Genozids in Gaza. Sie können sich auf einige linke israelische Holocaust- und Genozidforscher wie Omer Bartov und vor allem Raz Segal berufen, der dies schon Mitte Oktober behauptet hatte. Zahlreiche Völkerrechtsexpert*innen und Genozid-Historiker*innen wie Ben Kiernan vom Kambodscha-Genozidforschungsprogramm in Yale oder in Deutschland Johannes Heil von der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg widersprechen: Das entscheidende Kriterium für ein Genozid sei die intentionale Vernichtung einer Bevölkerungsgruppe als solcher. Für die gäbe es allerdings, trotz auch auf israelischer Seite begangener Kriegsverbrechen, keine Anzeichen. Weit eher sind genozidale Absichten aus der Programmatik der Hamas ablesbar. Sie kulminierte am 7. Oktober in dem auf die Vernichtung möglichst vieler Zivilist*innen ausgerichteten Massaker. Das wird von postkolonialistischer Seite weitgehend beschwiegen. Vor allem die zahlreich auf antiisraelischen Demos gezogenen Gleichsetzungen des israelischen Vorgehens mit dem Holocaust bezeugen den Einsatz des Genozidvorwurfs als Kampfbegriff gegen Israel.

Hierzulande war dieser Revisionismus Mitte Oktober zu besichtigen, als eine vornehmlich aus ‚weißen‘ Studierenden bestehende Kundgebung vor dem Auswärtigen Amt in Berlin die Parole »Free Palestine from German Guilt!« skandierte. Sie wurde auf weiteren Demos aufgenommen. Auch diese irgendwo zwischen Dieter Kunzelmanns »Judenknax« und rechtem »Schuldkult«-Geraune einzusortierende Parole hat ihre postkolonialistischen Stichwortgeber*innen: Die Autorin und Politologin Emilia Roig beklagt sich aktuell auf prominent besetzten Podien in performativem Widerspruch ständig darüber, sie und andere postkoloniale jüdische Stimmen dürften in Deutschland wegen dessen falscher, jede Israelkritik tabuisierender Vergangenheitsbewältigung nichts gegen Israel sagen. Dabei wirft sie gleichzeitig Israel einen Genozid in Gaza vor. Auch Judith Butler behauptet in ihrem Text ein angebliches »deutsches Denkverbot«, die israelische Besatzungspolitik zu thematisieren, und knüpft damit an die »Katechismus«-Thesen eines Dirk Moses aus dem »Historikerstreit 2.0« an (iz3w 389).

Postkoloniale Theorien scheitern an Antisemitismus

Insgesamt hat die Schwäche postkolonialistischer Ansätze angesichts des 7. Oktober viel mit Blindflecken postkolonialer Theoriebildung zu tun. Dazu gehört der Umstand, dass diese über keinen adäquaten Begriff des Antisemitismus verfügt, sondern ihn meist unter Rassismus subsumiert. Der einst mit der Propagierung von Ambiguität und hybriden »dritten Räumen« (Homi K. Bhabha) angetretene Postkolonialismus vertritt vielfach einen moralischen Gerechtigkeitsuniversalismus, der einem von Schwarz-Weiß-Denken geprägten antikolonialen Weltbild aufsitzt.

Dieses hebt sich kaum noch vom traditionellen linken Antiimperialismus ab (iz3w 393, Seite 18). In diesem bipolaren Denken geht Gewaltherrschaft grundsätzlich von den kolonialistisch und imperialistisch geprägten, 'weißen' Gesellschaften des Westens aus und von nirgendwo sonst. Israel wird aus dieser Perspektive trotz seiner offensichtlich ethnisch und kulturell sehr diversen, ja geradezu mustergültig »hybriden« Bevölkerung und einer hochgradig von Ambiguität geprägten Geschichte fast ausschließlich als hegemonial, 'weiß' und kolonialistisch wahrgenommen. Diese verzerrte Wahrnehmung produziert und reproduziert, wenn auch ungewollt, den israelbezogenen Antisemitismus. Der militante islamistische Antisemitismus geistert derweil als der sprichwörtliche Elefant durch den postkolonialen Raum.

Zwar gibt es auch aktuell Gegenbeispiele bekannter Postkolonialist*innen, wie den Philosophieprofessor Lewis R. Gordon, der als Herausgeber und Autor mehrerer wichtiger Bände zur postkolonialen Debatte um das Erbe Frantz Fanons bekannt ist. In einem Thread auf X (vormals Twitter) verwies er zutreffend darauf, dass Fanon innerhalb der algerischen FLN als Israelfreund angefeindet wurde und niemals eine Gruppe wie die Hamas unterstützt hätte, die in Palästina eine islamistische Theokratie errichten will. Hamas sei weder revolutionär noch kämpfe sie gegen die rechte israelische Regierung, sondern wolle »die Region von Israelis und Juden sterilisieren«. Das zeigt zwar, dass auch postkolonialistische Theoretiker*innen, die wie Gordon im Antisemitismus einen Rassismus sehen, durchaus in der Lage sein können, den eliminatorischen Antisemitismus der Hamas zu erkennen und zu benennen. Zugleich belegt aber der Shitstorm, den Gordon auf X neben spärlichem Zuspruch für seine Bemerkungen erntete, wie minoritär solche Positionen im gegenwärtigen Postkolonialismus sind.

Stellte Stuart Hall Mitte der 1990er-Jahre in einem bekannten Aufsatz die rhetorische Frage »Wann war der Postkolonialismus?«, so muss heute wohl eher gefragt werden, ob es das war damit und ob die Theorierichtung jetzt im Archiv toxischer Irrtümer der Linken abgelegt gehört. Um die richtigen und notwendigen Fragestellungen postkolonialistischer Theorien zu retten, wäre jedenfalls ein gründliches Reset derselben notwendig.

Udo Wolter ist freier Autor in Berlin.

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