Filmstill »His House« (GB, 2020), Rial (Wunmi Mosaku) und Bol (Sope Dirisu), hinter einem Fenster, Vorhang zur Seite
Finden auch im Aufnahmeland keinen Frieden: Rial (Wunmi Mosaku) und Bol (Sope Dirisu) in His House (GB, 2020) | Foto: Netflix | Aidan Monaghan/NETFLIX © 2020 Netflix, Inc.

Es ist die Zeit der Monster

Migration als Horrortrip

In Horrorfilmen über Migration geht es vor allem um den Schrecken der Realität. »His House« handelt vom Trauma der Flucht und der Isolation im Aufnahmeland. »Atlantique« hingegen erzählt Flucht aus Sicht der Zurückgebliebenen sowie eine schaurige Rachegeschichte.

von Rosaly Magg

09.01.2023
Veröffentlicht im iz3w-Heft 394
Teil des Dossiers Grauen ohne Grenzen

Es gibt Menschen, die können auch von Gespenstern nicht mehr erschreckt werden. Die Horrorfilme, die von solchen Menschen erzählen, funktionieren anders als das herkömmliche Filmrezept, in dem die Erwartung des Unheils oft schlimmer ist als das Unheil selbst. So beginnen die beiden Filme »His House« (GB, 2021) und »Atlantique« (FR, 2019) direkt mit dem ganz realen Horror der Flucht über das Mittelmeer als Ausgangspunkt für alles Schreckliche. In beiden Filmen schlummert Unerledigtes in Form von Traumata in den Protagonist*innen und Untote kehren vom Meeresgrund zurück, um sich an der Gesellschaft zu rächen, die für ihre Flucht verantwortlich ist.

Der wahre Horror ist der Akt der Migration. So zeigt Remi Weekes »His House« in nur wenigen, aber mächtigen Bildern den Schrecken der Reise, das Überqueren des Meeres, die Havarie. In Großbritannien angekommen werden Bol und Rial, ein junges Paar aus dem Südsudan, auf Kaution als Asylsuchende aus dem Auffanglager in ein eigenes Haus entlassen. Die Regeln der Ausländerbehörde klingen wie die Fortschreibung des Albtraums: »Sie ziehen in ein Haus unserer Wahl und haben keine Erlaubnis, von dort wegzuziehen. Sagen Sie ja, wenn sie es verstehen.« »Wir sind gute Menschen«, entgegnet Bol. Weitere Regeln sind: keine Kerzen, keine Zigaretten, keine Tiere, keine Freunde, keine Partys.

Vom Trauma verfolgt

Doch die Erinnerung an die Flucht vor dem Krieg im Südsudan verfolgt das junge Paar in ihrem neuen Zuhause. Dort werden sie bald von einer dunklen Macht gequält. Das Haus als Symbol für die Fremde steht für Einsamkeit und Verzweiflung – eine Parabel auf das Leben im Ankunftsland: Freudlos, düster und kalt, ein Labyrinth, in dem die Neuangekommenen sich nicht zurechtfinden. Das Haus führt ein Eigenleben und macht es dem Paar unmöglich, in Großbritannien anzukommen. Im Zentrum der Geistergeschichte steht die Erinnerung an die auf der Flucht verlorene Tochter, die im Massengrab Mittelmeer liegt.

Bol will den Neuanfang, glaubt den Versprechungen des sozialen Aufstiegs durch Arbeit und Assimilation. Deshalb verbrennt er alles, was an die Heimat erinnert, und zwingt Rial dazu, beim Essen Messer und Gabel zu benutzen. Seine Frau jedoch ist fest verankert im Glauben an den Apeth, einen Hexenmeister aus Kindheitserzählungen. Während Bol für Fortschrittsgläubigkeit und die Versprechen des Neoliberalismus steht, steht Rial für Tradition und Mythen. Sie glaubt, dass der Apeth die beiden verfolgt und nur wenn sie ihre Schuld zurückzahlen, er ihnen ihr Kind zurückbringen wird. Diese stereotype Geschlechterverteilung in Sachen Deutungshoheit ist die einzige Schwäche des Werks, das für den besten britischen Independentfilm nominiert wurde. Nicht nur das hervorragende Drehbuch, sondern auch die Musik von Roque Baños ist eindrücklich düster und verleiht der Darstellung des fremden, menschenfeindlichen Ankunftslands eine sozialkritische Tiefe.

So grauenhaft die Begegnung mit den Geistern der Vergangenheit auch sein mag, letztendlich haben beide Protagonist*innen den Schrecken des Krieges im Südsudan erlebt, und die Hausgeister sind nichts dagegen: »Du glaubst, Geister könnten mir Angst einjagen?«, fragt Rial, die im Laufe des Films vielmehr Angst vor ihrem irregeleiteten Mann entwickelt, der mit aller Macht die Geister aus dem Haus jagen will, um ein neues Leben zu beginnen.

Es ist eine Entscheidung zwischen Pest und Cholera: Entweder akzeptieren Bol und Rial die unwürdigen Bedingungen, oder sie werden als Geisteskranke in der Fremde angesehen.

»Du glaubst, Geister könnten mir Angst einjagen?«

Und so lernen sie, mit den Geistern zu leben. Denn es gibt keinen Ausweg aus dem Dilemma ihrer Migrationsgeschichte: Entweder im Krieg sterben oder ein Leben mit Lügen führen. Denn am Ende stellt sich heraus, dass die Schuld, die die beiden auf sich nahmen, um aus dem Kriegsgebiet zu entkommen, noch viel größer ist, als wir anfangs erahnen. Ein Leben mit den Geistern der Vergangenheit heißt schlussendlich, diese willkommen zu heißen. Für die Überlebenden und die Toten gibt es zumindest genügend Platz in dem großen Haus und der Horrorfilm changiert zum dystopischen Märchen.

Gespenstischer Arbeitskampf

Nichts macht mehr Sinn, als die Migration und deren traumatische Auswirkungen als Horrorgeschichte zu erzählen. Denn die Erinnerung an das Schreckliche, das Verlorene bricht ebenso unvorbereitet ein wie jedes Filmmonster. Das Unheimliche und Irrationale wird Realität. So auch in »Atlantique« von Mati Diop.

Der Ozean spielt die Hauptrolle in diesem Film. Das Meer ist wild und gefährlich, schon in der Anfangsszene wird es zum (potenziellen) Grab der Migranten. Dann wiederum ist das Meer ruhig und verlockend, um erneut aufzubranden. Es ist gleichzeitig Sehnsuchtsort und Ort der absoluten Gefahr. Der Strand ist Zone des Übergangs, des Vergnügens, aber auch der schlechten Nachricht, dass die »Jungs« aufs Meer sind und von dort nicht mehr zurückkehren.

Sehr filmästhetisch erzählt, brennen sich die Klänge des Meeresrauschen sowie die Aufnahmen vom Horizont als ein Ruf der Ferne in das Gedächtnis der Zuschauer*innen ein. Der Ozean ist eine magnetische Kraft, die »die Jugend in ihre Tiefen saugt und sie auch wieder ausspuckt«, so Mati Diop. Der Atlantik wird aufgrund der massenhaften Migration geisterhaft. »Es ist schwer, nicht an andere Gespenster zu denken, die aus dem Sklavenhandel und der Kolonialisierung stammen. Es ist ein sehr belastetes Gebiet, das über die massive Welle der illegalen Einwanderung zwischen Senegal und Spanien in den 2000er Jahren hinausgeht. Es gibt den Eindruck einer neuen Ausbeutung in anderen Formen.«

»Atlantique« spielt in einem Vorort von Dakar, der Hauptstadt Senegals. Zehn Bauarbeiter, die an einem futuristischen Gebäude arbeiten, hierfür jedoch keinen Lohn erhalten haben, beschließen, das Land für eine bessere Zukunft über das Meer zu verlassen. Die verschwundenen jungen Männer kehren schlussendlich als Geister zurück, die von den Körpern ihrer Freundinnen Besitz ergreifen, um sich am Bauunternehmer für die nicht ausgezahlten Löhne zu rächen. Untote in Frauenkörpern mit weißen Augen und Frauen, die reihenweise in Ohnmacht fallen – sie stehen für den Aufstand gegen die von (reichen) Männern dominierte (Arbeits-)Welt. So muss der Bauunternehmer nicht nur die ausstehenden Löhne an die zurückgebliebenen Frauen auszahlen, sondern auch die Gräber für die toten Arbeiter ausheben. Eine starke Szene, die zeigt: »Der größte Horror kommt von jenen, die nicht ‚ordnungsgemäß‘ betrauert und begraben wurden, von jenen, die im Leben noch etwas Unerledigtes haben, oder von jenen, deren Totenruhe gestört wurde.« (siehe Seite 23-25)

Genre-Mix für unruhige Zeiten

Im Zentrum der Erzählung steht die Liebesgeschichte von Ada und Suleiman. Ada soll jedoch an einen anderen Mann verheiratet werden. Nach dem Verschwinden Suleimans ist Ada traumatisiert und die Hochzeit mit Omar wird zu einem Albtraum. Mati Diops Film verknüpft auf kluge Weise die Themen Migration, Patriarchat und die Rolle der Frau im Senegal: »Die Würde einer Frau ist es zu heiraten«, so der zukünftige Schwiegervater. Aber spätestens mit der Heirat bricht sich der ganze Horror Bahn: Das potenzielle Ehebett geht in Flammen auf – ohne erkennbare Brandursache. Suleiman scheint von den Toten auferstanden. Adas Freundin Fanta, die bis dahin ein freies Leben führte und jegliche traditionelle Kleiderordnung ablehnt, ist laut dem Marabout von einem Geist besessen: »Der Geist kam durch den Bauchnabel rein wegen der fehlenden Kleidung.«

Der Film von Mati Diop funktioniert auf vielen Ebenen: Als unvorhersehbares, übernatürliches (Liebes-)Drama und als sozialer Kommentar zur Geschichte von Flucht und Migration. Und nicht zuletzt als Geistergeschichte, die eine religiöse, autoritäre und männlich geprägte Gesellschaft thematisiert, in der Untote in Frauenkörpern dem Patriarchat Angst machen. Darüber hinaus ist in »unruhigen Zeiten das Fantastische ein Genre, das genutzt wird, um eine politische Dimension zu berühren«, erklärt die Regisseurin. »Wir befinden uns in einer Zeit der Brüche, also wie kann man sich da wundern? Das erinnert mich an ein Zitat von Antonio Gramsci, das in den letzten Jahren viel herumging: ‚Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster‘.«

Ein junger Kommissar will schlussendlich herausfinden, was passiert ist, ist aber selbst besessen, krank und von Ohnmacht befallen, wann immer neue Geistererscheinungen und Todesfälle vorkommen. Schließlich kehrt Suleiman in Gestalt des Kommissars zurück zu Ada: »Ich wusste, dass du zurückkommen würdest. Wonach dein Körper schmeckt, wird auch meiner schmecken«. Der Film ist eine Erzählung der weiblichen Selbstermächtigung. Das Ende gehört Ada und dem Meer. Hoffnungsvoll sagt sie: »Ich bin Ada, die Ada, der die Zukunft gehört!« Dazu rauscht der Atlantik.

 

Filme (auf Netflix zu sehen):

His House (Regie: Remi Weekes, GB 2020)

Atlantique (Regie: Mati Diop, Frankreich, Senegal, Belgien 2019)

Rosaly Magg ist Mitarbeiterin im iz3w. Ihre Schwerpunkte sind Gender, Migration, (Post-)Kolonialismus, Tourismus(-kritik), Literatur, Film und Fotografie.

Dieser Artikel ist erschienen im iz3w-Heft Nr. 394 Heft bestellen
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