Zwei weiße Stühle stehen vor einer Statue, auf der ein dunkler Adler einen Erzengel angreift
Schräges Erinnern: Der Nazi-Adler und das unschuldige Erzengel-Ungarn | Foto: Fred Romero CC BY 2.0

»Geschichte wird von den Siegern geschrieben«

Geschichtsklitterung in Ungarn 75 Jahre nach dem Holocaust

1945 bis 1948 gab es in Ungarn Versuche, sich mit der eigenen Verantwortung für den Massenmord an Juden und Jüdinnen auseinanderzusetzen. Doch die darauffolgende stalinistische Diktatur machte das unmöglich. Erst während des Kádárregimes (1956–1989) begannen ungarische Historiker sich kritisch mit der Zeitgeschichte auseinanderzusetzen. Dem steht heute eine vaterländische Erinnerungspolitik entgegen, die das »Ungarntum« verherrlicht.

von Karl Pfeifer

09.01.2023
Veröffentlicht im iz3w-Heft 373

Als Adolf Eichmann und sein Stab mit den deutschen Besatzern im März 1944 nach Ungarn kamen, war nicht zu erwarten, dass er jeden bisherigen Rekord bei der Ermordung von Jüdinnen und Juden übertreffen wird. In weniger als zwei Monaten wurden mehr als 437.000 Menschen in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verbracht. Aus keinem anderen Land wurden so viele Menschen binnen so kurzer Zeit deportiert. Dies hätte ohne die begeisterte und disziplinierte Mitarbeit des gesamten ungarischen Staatsapparates unter dem langjährigen Reichsverweser Miklós Horthy nicht gelingen können.

Böse Nazis, unschuldige Ungarn

1992 wurde der Leichnam von Miklós Horthy mit einer halbstaatlichen Zeremonie, an der Mitglieder der ersten nachkommunistischen Regierung teilnahmen, von Portugal in seinen Geburtsort Kenderes überführt. Zehn Jahre später, während der ersten Ministerpräsidentschaft von Viktor Orbán, wurde in Budapest das »Haus des Terrors« eröffnet. Am Museum sind lediglich zwei Symbole angebracht, das Pfeilkreuz sowie Hammer und Sichel. Die faschistischen Pfeilkreuzler kamen im Herbst 1944 an die Macht und lösten den Hitler-Verbündeten Horthy ab. Die meisten ungarischen Kriegsverbrechen fanden jedoch vor diesem Wechsel statt.

Diese Ausblendung des reaktionären Ungarntums im »Haus des Terrors« führt mitten in den heftigen Streit um die ungarische Erinnerungskultur. Der deutsche Historiker Michael Wolffsohn, der mit Maria Schmidt, die das »Haus des Terrors« geplant hat, befreundet ist, behauptete am 2. Januar 2019 in der FAZ: »Als seit März 1944 die deutschen Besatzer in Ungarn herrschten, war nicht mehr Horthy an der Macht, sondern die Pfeilkreuzler. Die verbrecherische Massendeportation erfolgte also erst nach Horthy.«

Zwei Tage darauf veröffentlichte die FAZ eine Entgegnung des ungarischen Historikers Krisztián Ungváry, der Wolffsohn belehrte: »Erstens dankte der ungarische Reichsverweser erst nach dem 15. Oktober 1944 ab.« Die Deportation fast aller Juden aus der Provinz geschah aber zwischen Mai und Juli 1944, also davor. »Zweitens waren nach der deutschen Besatzung von Ungarn am 19. März 1944 zwar viele Parteien in die Regierungsgeschäfte in Ungarn eingebunden, aber die Pfeilkreuzler waren nicht darunter.« Orbáns Hofhistorikerin Maria Schmidt sei »in Ungarn unter anderem dafür bekannt, dass sie notorische Lügner als historische Quelle präsentiert.«

Der von Orbán bewunderte Miklós Horthy duldete antijüdische Pogrome

Die zweite Präsidentschaft Orbáns seit 2010 geht mit einer zunehmenden Glorifizierung des Ungarntums einher. Das 2014 aufgestellte Denkmal für die »Opfer der deutschen Besatzung« auf dem Platz der Befreiung inmitten Budapests vollbringt eine weitere Geschichtsklitterung. Es zeigt den grausamen deutschen Naziadler, der das als unschuldiger Erzengel Gabriel abgebildete Ungarn angreift. Proteste dagegen blieben ergebnislos. Dieses Denkmal leugnet alles, was vor und während des Zweiten Weltkriegs in Ungarn geschah, insbesondere nach der deutschen Besatzung ab 19. März 1944.

Das Orbán-Regime hat seit 2010 die Budapester Uferstraßen an der Donau nach vorbildlichen Menschen umbenannt, die oft ihr Leben riskierten, um andere vor den Nationalsozialisten zu retten. Allerdings wurde auch eine Straße nach János Esterhazy benannt. Er war Mitglied des Parlaments des slowakischen Satellitenstaates und stimmte für alle antijüdischen Gesetze. Lediglich ein Mal enthielt er sich bei einer Abstimmung über die Abschiebung der Juden 1942 der Stimme. Damit stilisiert man Esterhazy zum Judenretter. Er selbst entschuldigte sich damals beim ungarischen Außenministerium, er habe sich nur deshalb der Stimme enthalten, weil man mit solch einem Gesetz doch nach den Juden eventuell auch die Ungarn hätte abschieben können.

Was nicht passt …

Ein weiteres Beispiel für nationalistische Erinnerungspolitik in Ungarn ist die 2014 aufgestellte Büste für Oberst Ferenc Koszorús in der Burg. Er spielte eine große Rolle bei dem Versuch, Horthy zu rehabilitieren. Koszorús war im Stab des in Esztergom stationierten Panzerregiments, das laut Legende von Horthy nach Budapest gerufen wurde, um die Deportation der Budapester Jüdinnen und Juden zu verhindern. Doch das ist erlogen. Das Regiment ist zwar tatsächlich am 6. Juli 1944 in Budapest angekommen, jedoch nicht um Juden zu retten, sondern weil Horthy einige Tage das Gerücht geglaubt hatte, dass die zuvor von Staatssekretär László Baky nach Budapest befohlenen circa 3.000 Gendarmen Horthy zwingen sollten, den Pfeilkreuzlerführer Ferenc Szálasi zum Ministerpräsidenten zu ernennen. Das war absurd, denn Baky und Szálasi hassten einander. Außerdem hatten die Gendarmen Budapest bereits einen Tag vor Ankunft des Panzerregiments wieder verlassen.

Nach der angeblich heldenhaften Intervention von Horthy und Koszorús, um die Deportation der Juden abzustellen, wurden zwischen dem 6. und 8. Juli weitere 53.465 Menschen deportiert. Am 19. Juli wurden aus dem Internierungslager Kistarcsa weitere 1.230 Juden nach Auschwitz-Birkenau gesandt. All das geschah, obwohl Horthy sogar laut seiner Apologeten das Auschwitz-Memorandum kannte. Darin wird das Wesen der Mordfabrik von zwei Entkommenen dokumentiert. Seit 1942 wusste man in Ungarn, was in Auschwitz geschah. Im April 1943 hatte Horthy in Klessheim von Hitler gehört, dass man die Juden vernichten muss. Das Auschwitz-Memorandum hatte Horthy bereits im März oder April 1944 erhalten und erfahren, welche Methoden angewendet wurden, um den Massenmord an den europäischen Juden zu begehen.

Ein anderer Fall jüngerer Geschichtsklitterung ist die Lobpreisung eines Raubmörders aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Iván Héjjas, ein Oberleutnant der Reserve, organisierte im Sommer 1919 eine Bande in Kecskemét und Umgebung, um »Kommunisten und Juden«, zwischen denen er nicht unterschied, zu »bestrafen«. Am 15. November 1919, direkt nach Abzug der rumänischen Besatzer, begann seine Bande mit Raubmorden. Im Wald von Orgovány stachen sie den zumeist jüdischen Opfern die Augen aus, schnitten ihnen die Ohren ab und hängten sie auf. Darüber hinaus begingen sie Dutzende weitere bestialische Raubmorde. 1922 wurde Héjjas von einem Militärgericht freigesprochen, weil er von »selbstlosem Patriotismus« geleitet gewesen sei. Die anderen Raubmörder, die einen großen Teil der Beute an Héjjas ablieferten, wurden amnestiert.

Am 19. September 2018 wurde in Kecskemét ein Buch des »Historikers« László Domonkos vorgestellt, »Im Schatten der Héjjas-Pappel«. Darin wird Héjjas als Retter von Recht und Ordnung gepriesen. Während der Präsentation lobte der stellvertretende Parlamentspräsident Sándor Lezsák das Buch und sagte: »Die Geschichte wird immer von den Siegern geschrieben.« Und er wiederholte das rechtsextremistische Mantra: »Die herrschenden Sieger bestimmen, welche Persönlichkeiten nicht tauglich sind, Helden zu sein«. Später schrieb Lezsák auf seiner Facebook-Seite: »Dies ist der Tag der Rehabilitation von Iván Héjjas.«

… wird passend gemacht

Der Geschichtsklitterer Viktor Orbán konnte während seines Israelbesuches 2017 erklären: »Ungarns Regierung hat einen Fehler, ja sogar ein Verbrechen begangen, als sie während des Zweiten Weltkrieges nicht ihrer moralischen und politischen Pflicht nachgekommen ist und ihre Staatsbürger jüdischer Abstammung nicht verteidigt hat.« Dieser Euphemismus sollte sicher davon ablenken, dass es gerade der von Orbán bewunderte Miklós Horthy war, der nach seiner Machtergreifung vor hundert Jahren Pogrome duldete. Seine Regierung hatte bereits 1920 einen Numerus clausus gegen Juden erlassen und nach 1938 einige weitere antisemitische Gesetze, darunter 1941 ein strengeres als das »Nürnberger Rassengesetz«.

Orbán hat seit 2010 zuerst die Forderungen der mit ihm paktierenden Rechtsextremisten erfüllt, um dann auch deren Ideologie zu übernehmen. Während er die Freundschaft mit Benjamin Netanjahu pflegt, ließ er in ganz Ungarn antisemitische Plakate gegen George Soros anbringen. Erst 2019, nachdem er auch den konservativen EU-Vorsitzenden Jean-Claude Juncker als Komplizen von Soros anprangerte, stellten sich die europäischen konservativen Parteien gegen ihn.

In Budapest wird nun in unmittelbarer Nähe des Parlaments ein Denkmal aufgestellt, das an den Friedensvertrag von Trianon (1920) erinnern soll. Fast 13.000 Namen von Ortschaften, die vor 1918 zu Ungarn gehörten und heute in Österreich, der Slowakei, der Ukraine, Rumänien, Serbien, Kroatien und Slowenien liegen, werden in das Denkmal eingraviert.

Kein Denkmal erinnert dort hingegen an die vor 75 Jahren nach Auschwitz-Birkenau deportierten 437.000 Jüdinnen und Juden. Daran will das von Orbán angeführte Ungarn sich nicht erinnern.

 

Karl Pfeifer ist Journalist in Wien. 1938 flüchtete er mit seinen Eltern vor den Nazis nach Ungarn. Anfang 1943 floh er von dort aus nach Palästina und kehrte 1951 nach Österreich zurück. Seit 1979 berichtet er über Ungarn und wurde in der Zeit von 1980 bis 1987 vier Mal aus der Volksrepublik Ungarn ausgewiesen.

 

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