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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 390 | Pakistan Mangi Meli – Rufe aus dem Depot

Mangi Meli – Rufe aus dem Depot

Bei der Rückerstattung geraubter Kolonialgüter nehmen die Schädel und Knochen ehemals kolonisierter Menschen eine besondere Rolle ein. In deutschen Depots suchen die Nachfahren nach den Gebeinen ihrer Ahnen. Hinter jedem von Tausenden verschleppter Schädel steht eine Biografie. Eine Geschichte über Restitutionen an die Kilimanjaro-Region im heutigen Tansania.

von Victor Maria Escalona

Im Namen der Wissenschaft wurden besonders in den knapp vierzig Jahren deutscher kolonialer Expansion (1880er-Jahre bis 1919) tausende Schädel, Knochen, konservierte Köpfe, Haarproben und andere menschliche Überreste aus den besetzten Gebieten in Asien und Afrika nach Deutschland verschickt. Dort wurden sie in großen anthropologischen und anatomischen Sammlungen aufgenommen und katalogisiert (iz3w 331). Die damaligen Anfragen der Forschenden mit der Bitte um die Sammlung menschlicher Überreste folgten in der Regel dem Wortlaut, »ob es nicht möglich wäre, Eingeborene auf gütlichem Wege zu veranlassen, uns einige Skelette zu übergeben.«1 So formulierte es ein Urgestein der Völkerkunde, der Anthropologe Felix von Luschan, in einem Brief an Moritz Merker, den Hauptmann der Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika. In der Praxis waren die ‚gütlichen‘ Übergaben oder Handelsabmachungen jedoch seltene Ausnahmen. Häufiger wurden die Überreste heimlich nachts ausgegraben, unter Drohungen erworben oder als Kriegstrophäen gesammelt.

Allein in zwei großen Berliner Sammlungen lagern bis heute über 8.500 Schädel und menschliche Überreste aus aller Welt. In den letzten zehn Jahren wurden die Restitutionsforderungen betroffener Gemeinschaften lauter und sichtbarer. Viele dieser Forderungen bestehen schon seit Jahrzehnten, aber sie bekommen erst jetzt öffentliche Aufmerksamkeit. Dank interdisziplinärer Provenienzforschung konnten viele dieser menschlichen Überreste mittlerweile Gruppen und – in seltenen Fällen – Individuen zugeordnet werden. Zuletzt reisten unter anderem Delegationen aus dem heutigen Südafrika, Namibia, Hawaii und Neuseeland nach Deutschland, um menschliche Gebeine entgegenzunehmen, in ritueller Form zu rehumanisieren und in ihre jeweilige Heimat zurückzubringen.

Auf der Suche nach dem Haupt seines Großvaters Mangi Meli reiste 2018 auch Mzee Isaria Meli nach Berlin, um eine DNA-Probe abzugeben, die mit der DNA von sechs Schädeln abgeglichen wurde, die nachweislich aus Old Moshi im heutigen Tansania stammen. Es konnte jedoch keine Übereinstimmung festgestellt werden. Wo ist das Haupt Mangi Melis? Und was wird nun aus den sechs Schädeln aus Old Moshi? Die Suche nach Antworten führt zunächst in eine vorkoloniale Zeit, als Old Moshi noch Moshi hieß.

Moshi am Kilimanjaro 1880–1900

Der Chief der Chagga, eines Bantu sprechenden Volkes am Kilimanjaro-Massiv, Mangi Rindi Mandara aus Moshi hieß die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft zuerst willkommen. Die Gesellschaft baute dort 1887 eine erste Station, der Mangi (König) erhoffte sich von dieser Kooperation einen militärischen Vorteil gegenüber seinen lokalen Rivalen. Seine Hoffnung auf eine deutsche Kanone im Tausch für Elfenbein und wertvolle Mineralien wurde jedoch enttäuscht, als die 1889 von ihm zu Kaiser Wilhelm gesendete Delegation lediglich mit einer Spieluhr und anderen kleineren deutschen Kulturobjekten zurückkehrte.

Nach seinem Tod 1891 wurde der Körper des toten Mangi Rindi Mandara entsprechend den rituell geprägten Glaubenssätzen der Chagga in die Haut eines geschlachteten Bullen gewickelt und für ein ganzes Jahr in einem hölzernen Bienenstock aufbewahrt. Anschließend wurden die spirituell bedeutenden menschlichen Überreste des verstorbenen Anführers von den Ältesten entnommen und in einen Tontopf gelegt, der dann an einem heiligen Ort platziert wurde. Es wurde genau darauf geachtet, dass alle Knochen des Verstorbenen beisammenblieben. Fehlende Knochen wurden mit Stöcken und Steinen ersetzt, um die Vollständigkeit der Überreste, und somit den spirituellen Schutz für die gesamte Gemeinde, zu gewährleisten.

Als Nachfolger setzte sich sein Sohn Meli durch, der den Deutschen deutlich kritischer gegenüberstand. Die Spannung steigerte sich bis zu dem Punkt, dass im Juni 1892 ein deutsches Regiment unter Freiherr von Bülow einen Überraschungsangriff auf Moshi startete, den Mangi Meli jedoch entschieden zurückschlug. Bei dem Angriff starben ein Deutscher, etwa zwanzig Askari-Soldaten und Freiherr von Bülow selbst. Für die Vergeltung sammelten sich die deutschen Truppen ein ganzes Jahr, bevor Oberst von Schele mit einem groß angelegten Feldzug in Moshi einmarschierte, Mangi Melis Truppen überwältigte und ihn zur Unterzeichnung eines Schutzvertrages zwang. Für die kommenden sieben Jahre wurde Mangi Meli auf diese Weise zu einer Allianz für militärische Strafexpeditionen gegen benachbarte Mangis gezwungen.

Im angrenzenden Marangu nutzte gleichzeitig Mangi Mareale seine diplomatische Nähe zu den Deutschen, um sie von einem angeblich geplanten Komplott zu überzeugen, den sein langjähriger Erzfeind Mangi Meli mit anderen Mangis plane, um die Deutschen aus der Region zu vertreiben. Aufgrund dieser Anschuldigung wurde Mangi Meli im Anschluss an einen gemeinsamen Feldzug mit den Deutschen im Februar 1900 überraschend des Hochverrats angeklagt. Gemeinsam mit 18 weiteren Mangis und Akidas (hohen Amtsträgern) wurde er in einem Blitzurteil zum Tode am Strick verurteilt. Um den antikolonialen Widerstand endgültig zu brechen, wurden am 2. März 1900 sodann die 19 Verurteilten im Zentrum von Moshi gehenkt, wobei die gesamte Bevölkerung samt Frauen und Kindern aufgefordert wurde, der Hinrichtung beizuwohnen. Der letzte war Mangi Meli selbst, der an einem Halsstrick sieben Stunden lang überlebte, bevor er erschossen und vom Seil abgeschnitten wurde. Laut mündlicher Überlieferung wurde ihm anschließend vor den Augen des ganzen Dorfes – als Zeichen der endgültigen Unterwerfung – der Kopf abgeschlagen.

Diese Praxis folgt einer Logik, welche sich für die Deutschen bereits in anderen Teilen der Kolonien bewährt hatte: In dem Wissen um die spirituelle Bedeutung des Schädels in den rituell geprägten Glaubenssätzen vieler indigener Gemeinschaften war die Enthauptung gleichbedeutend mit Machtlosigkeit und daher ein sehr effektives Mittel zum Brechen des Widerstands. Mangi Meli hinterließ ein traumatisiertes Dorf. Der Horror der Enthauptung und der Diebstahl von Mangi Melis Kopf brach tatsächlich jeden Widerstand in der Region. Für mehr als ein Jahr gaben die Menschen jegliche Tätigkeit auf. Aus Angst vor den Weißen gaben sie ihre Kinder nun nicht mehr in die Schule. Viele verließen Moshi. Dieses kollektive Trauma nutzte letztlich der christlichen Kirche in Person des evangelisch-lutherischen Missionars Bruno Gutmanns, der den Menschen einen Neuanfang im christlichen Glauben versprach.

Im Depot, Berlin 2018–2022

Seit den letzten anthropologischen Untersuchungen an den verschleppten Gebeinen in Berlin sind nun schon fast hundert Jahre vergangen. Dennoch besteht allein die Luschan-Sammlung, die mittlerweile von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) verwaltet wird, noch aus mehr als 5500 Schädeln. Die SPK ist ausdrücklich dazu bereit, menschliche Überreste zu restituieren, sofern die Provenienz eindeutig geklärt werden kann und eine entsprechende Restitutionsforderung gestellt wird. Dank interdisziplinärer Provenienzforschung, bestehend aus historischer Quellenanalyse und biologisch-forensischen Untersuchungen, konnten im Bestand bereits 12 Schädel identifiziert werden, die einst aus der Kilimanjaro-Region nach Deutschland geschickt wurden. Davon kamen sechs Schädel nachweislich aus Old Moshi.

Mit finanzieller Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung reiste Mzee Isaria Meli (89), der Enkel Mangi Melis, im Oktober 2018 nach Berlin, um bei der SPK eine Probe seiner DNA abzugeben. Bei sich trug er auch zwei weitere DNA-Proben von Menschen aus der Kilimanjaro-Region, deren Ahnen ebenfalls am 2. März 1900 erhängt und deren menschliche Überreste verschifft worden waren. Der Abgleich mit der DNA der sechs Schädel aus Old Moshi führte jedoch zu keiner Übereinstimmung. Für die Rückkehr der 12 Schädel bedarf es nun einer offiziellen Restitutionsforderung von der tansanischen Regierung. In diesem Prozess gibt es seit Januar 2022 neue Bewegung, da die tansanische Präsidentin Samia Suluhu Hassan nach Moshi reiste, um Mzee Isaria Meli und Gerald Mandara, dem offiziellen Vorsitzenden des Meli-Mandara Clans, ihre politische Unterstützung bei der Restitutionsforderung für die vermissten Schädel zuzusagen.

Old Moshi 2019

Allen politischen und religiösen Veränderungen der vergangenen 150 Jahre zum Trotz betreibt der Großteil der Chagga-Community in der Kilimanjaro-Region bis heute eine regelmäßige rituelle Praxis zur Besänftigung ihrer Ahnen. So mussten vor dem Bau des Mangi Meli Memorials im Februar 2019 unter der Akazie in Old Moshi, an der die 19 Chiefs und Akidas hingerichtet wurden, zunächst die Geister (Roho) dieser Menschen adressiert und besänftigt werden, bevor die Bauarbeiten beginnen konnten. Es wurde eine Ziege geopfert und ein kleines Stück jedes einzelnen Organs des Tieres in einer Schale dargeboten. In dutzenden Interviews bestätigte sich, dass die Abwesenheit des Hauptes Mangi Melis für viele Chagga spirituell eine große Unruhe bedeutet, die auch für Unglück und schlechte Ernten verantwortlich gemacht wird.

Seit über sechzig Jahren ist Mzee Isaria Meli auf der Suche nach dem Haupt seines Großvaters. Mit der Unterstützung verschiedener tansanischer und deutscher Aktivist*innen und Forschender ist er schon weit gekommen. Sollte das Haupt Mangi Melis in den kommenden Jahren noch ausfindig gemacht werden, dann brächte seine Rückkehr nach Old Moshi einen tiefen spirituellen Frieden. Zur Besänftigung seines Geistes würden ihm mindestens drei große Kühe geopfert werden. Nach der Durchführung aller Rituale würde sein Haupt anschließend in einem Museum in Old Moshi ausgestellt werden, um für immer an den Widerstand Mangi Melis gegen die deutsche Invasion zu erinnern.

Kilimanjaro-Region heute

Ab August 2022 wird ein deutsch-tansanisches Team aus Forschenden und Aktivist*innen für sechs Wochen durch die Regionen am Kilimanjaro und Mount Meru reisen, um den Menschen mit einer Wanderausstellung einen neuen Zugang zu ihrer eigenen Geschichte zu ermöglichen. Als Teil dieser Ausstellung werden Fotografien gestohlener kultureller Objekte gezeigt und es wird der Dialog mit der Bevölkerung gesucht. Umgekehrt werden mit dieser Wanderausstellung die Perspektiven dieser Menschen am Kilimanjaro ab 2023 dann in Deutschland präsentiert. Es besteht die Hoffnung, dass auf diese Weise weitere von Schädeldiebstahl ihrer Ahnen betroffene Personen und Gruppen ausfindig gemacht werden können, welche ihrerseits dazu bereit sind, DNA-Proben zur Feststellung von Identitäten abzugeben.

Die Rückkehr der Ahnen in ihre Heimat am Kilimanjaro rückt nunmehr näher. Die Suche nach dem Haupt Mangi Melis ist nicht abgeschlossen. Aber sie hat einen größeren Prozess mit Restitutionsforderungen aus dem heutigen Tansania ins Rollen gebracht. Vielleicht taucht das Haupt Mangi Melis niemals mehr auf. Aber seine Rufe aus den Tiefen der Depots haben zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit diesem dunklen Kapitel der deutsch-tansanischen Geschichte geführt.

Anmerkung

1 Brief: Felix von Luschan an Moritz Merker. Ethnologisches Archiv, 1901 – 03

 

Victor Maria Escalona ist Afrikahistoriker, der afrikanische Perspektiven auf die deutsche Kolonialgeschichte beleuchtet. Dieser Artikel basiert auf einem qualitativen Interview-Forschungsprojekt aus dem Jahr 2019.

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