Ulrike und Reinhard Schaller neben den Schäden an einer Schule im Südwesten Haitis
Ulrike und Reinhard Schaller in der Berufsschule von Port-à-Piment, wenige Tage, nachdem Hurrikan Matthew an der Schule und im ganzen Ort schwere Schäden verursacht hat. | Foto: Jürgen Schübelin

»Die Menschen mussten sich selbst helfen«

Interview über die ‚Überlebensakrobatik‘ im Südwesten Haitis

In Haiti terrorisieren kriminelle Banden die Bevölkerung. Wie sieht der Alltag unter diesen Bedingungen aus? Darüber sprach die iz3w mit Ulrike und Reinhard Schaller, die sich im Berufsschulzentrum Centre de Développment Côte Sud Haïti engagieren.

Das Interview führte Jürgen Schübelin

15.01.2024

iz3w: Was ist in Les Cayes oder in Port-à-Piment an der Südküste der Tiburon-Halbinsel anders als in der Hauptstadt Port-au-Prince? Wie stellt sich dort die Bandengewalt dar? Könnt ihr ohne Angst arbeiten?

Ulrike Schaller: Auch hier im Départment Sud hat es bei Überfällen und Zusammenstößen zwischen Gang-Mitgliedern und der Polizei Tote gegeben. Aber ganz anders als in der Hauptstadt stellt sich der Polizeichef von Les Cayes mit seinen Leuten den bewaffneten Bandenmitgliedern, die hier Fuß fassen wollen, entschlossen in den Weg.

»An den ‚Kontrollposten‘ der Gangs werden ‚Maut-Zahlungen‘ abgepresst.«

Dabei hat er die Bevölkerung auf seiner Seite. Die Stadtviertel von Les Cayes sind kleiner und überschaubarer als die der Hauptstadt. Und in den kleineren Städten und Dörfern auf dem Land kennt jeder jeden. Wenn hier ein Unbekannter mit einer Waffe in der Hand auftaucht, verteidigen sich die Leute. Keine der Gangs aus der Hauptstadt hat es bislang geschafft, einen Stadtteil von Les Cayes zu kontrollieren.

Reinhard Schaller: Persönlich haben wir keine Angst. Nach 25 Jahren Arbeit in Haiti kennen wir die ungeschriebenen Regeln. Wir haben viel von den Menschen um uns herum gelernt, vor allem von ihrer wirklich bewundernswerten Überlebensakrobatik. Aber natürlich wirken sich die Terrorherrschaft der Gangs und der Zusammenbruch der haitianischen Wirtschafts- und Versorgungsstrukturen auch in Les Cayes und im Südwesten von Haiti aus.

Welche Folgen hat diese Gewalt für den Alltag der Menschen?

RS: Die Route Nationale 2 ist die einzige Straße, die es zwischen der Hauptstadt und dem Südwesten gibt, dort werden ständig ganze Lastwagen mit ihrer kompletten Ladung gekidnappt. Die Insassen von Bussen und anderen Fahrzeugen werden an ‚Kontrollposten‘ der Gangs erpresst, um ‚Maut-Zahlungen‘ zu leisten. Deshalb ist der Transport von Gütern auf dem Landweg viel komplizierter und teurer geworden. Vor allem die Versorgung mit Treibstoff ist ein Riesenproblem. Wir haben schon erlebt, dass 14 Tage lang kein einziger Tanklastwagen durchgekommen ist.  Wenn es an den Tankstellen dann doch etwas Benzin gibt, kommt es zu Hamsterkäufen. Am dramatischsten ist der allgemeine Preisanstieg bei Grundnahrungsmitteln. Zwiebeln sind in Deutschland auf dem Markt deutlich günstiger als in Haiti. Tomaten kosten in Les Cayes dreimal so viel wie in Europa.

Die Situation hat sich zusätzlich verschärft, weil die Grenze zum Nachbarland Dominikanische Republik wegen des Konflikts um den Bau eines Bewässerungskanals wochenlang geschlossen wurde. So gelangen auch von dort keine Waren mehr ins Land. Das wirkt sich auch auf unsere Arbeit, vor allem beim Beschaffen von Baumaterialien oder Therapiemitteln, aus. Sogar die normalerweise besser ausgestatteten kirchlichen Krankenhäuser können praktisch keine Operationen mehr durchführen, weil keine Medikamente für Anästhesie oder keine Antibiotika zur Verfügung stehen.

Die Vereinten Nationen und ihr Flüchtlingswerk, der UNHCR, sprechen von 200.000 Menschen, die vor der Schreckensherrschaft der Gangs in der Hauptstadt Port-au-Prince und Umgebung in entlegenere Departments geflohen sind. Wie ist die Situation dieser Binnenflüchtlinge in Les Cayes oder Port-à-Piment?

US: Viele versuchen, irgendwie bei Verwandten unterzukommen. Manche sind einfach hier gestrandet, möglichst weit weg von der Hauptstadt und dem Horror, den sie dort erlebt haben. Oft sind es Mütter mit ihren Kindern. Sie suchen nach einem Dach über dem Kopf. In Port-à-Piment kampieren ganze Familien auf dem Marktplatz. Viele wirken verstört, extrem traumatisiert. Eine der Mütter kommt inzwischen mit einem ihrer Kinder, das stark behindert ist, zu mir in die Physiotherapie. Sie berichtet, dass sie alles zurücklassen musste und es mit nichts als ihren sechs Kindern bis hierher geschafft hat. Ganz schlimm war es nach dem jüngsten Massaker, bei dem die berüchtigte Gran Ravin-Gang im August in dem extrem dicht besiedelten Armenviertel Carrefour-Feuilles über 100 Anwohnende ermordete – und damit die panische Flucht von 15.000 Menschen auslöste. Diese Mutter erwarb zuvor in der Hauptstadt ein ausreichendes Auskommen. Sie verkaufte auf der Straße Holzkohle und konnte davon leben. Jetzt schildert sie, wie es ist, eine ‚Aufgenommene‘ zu sein – und nachts mit ihren Kindern keinen anderen Platz zum Schlafen zu finden als unter dem Tisch der Verwandten, bei denen sie untergekommen ist.

Ihr habt vorhin das Wort Überlebensakrobatik verwendet. Wie schaffen es die Menschen unter derartig widrigen Umständen, fast ohne funktionierende staatliche Struktur, trotzdem für ihre Kinder zu sorgen und den Alltag zu organisieren?

RS: Wir haben in zweieinhalb Jahrzehnten auf Haiti gesehen, dass die Menschen in diesem Land viel besser mit Krisen, Katastrophen und Extremsituationen umgehen können, als etwa die Gesellschaften in Mitteleuropa. Das Départment Sud, zu dem Les Cayes und Port-à-Piment gehören, wurde in den vergangenen Jahren immer wieder von verheerenden Naturkatastrophen heimgesucht. Infolge des Hurrikan Matthew im Oktober 2016 gab es über 1.000 Tote. Im August 2021 starben in dieser Region 2.400 Menschen bei einem schweren Erdbeben. Die Hilfe von außen war unzureichend, sodass die Menschen  sich selbst helfen mussten. Überlebensakrobatik meint, Kenntnisse und Erfahrungen etwa für den Anbau von Gemüse, oder zur Ziegen- und Hühnerhaltung abrufen und einsetzen zu können, wenn es nötig ist – selbst, wenn man mitten in der Stadt lebt. Es meint, Netzwerke und Kontakte intensiv zu nutzen, Dinge und Fertigkeiten untereinander zu tauschen. Das ist ein Geben und Nehmen. Wenn man jemandem hilft, der in Not ist, das vergessen die Menschen nicht. Dabei gelten Regeln: Vertrauen zu missbrauchen ist ein wirkliches No-Go.

Das klingt so, als ob Ihr selbst Erfahrungen mit dieser Art von Überlebenskultur gemacht hättet.

US: Natürlich! Wir hätten nicht 25 Jahre in Haiti leben und arbeiten können, wenn uns die Menschen, mit denen wir Beziehungen aufgebaut haben, nicht vertrauen würden.  Wenn etwa an keiner Tankstelle Benzin oder Diesel zu bekommen ist, wir aber mit dem Fahrzeug dringend von Les Cayes nach Port-à-Piment müssen, dann gibt es immer irgendjemanden, der uns mit etwas Treibstoff versorgt, damit wir arbeiten können – oder der uns hilft, Geld umzuwechseln, wenn alle Banken geschlossen sind.

»Viele versuchen, bei Verwandten unterzukommen«

RS: Des Weiteren gibt es Elemente dieser Überlebenskultur, die mit Technik zu tun haben: Die öffentliche Stromversorgung funktioniert nur noch rudimentär, seit die Versorgung des einzigen Kraftwerks von Les Cayes und seiner Dieselgeneratoren stockt, weil einfach keine Tanklastwagen aus der Hauptstadt durchkommen. Deshalb haben viele Menschen begonnen, sich konsequent mit Solarpanelen auszustatten. Mehrere Organisationen aus den USA und Europa unterstützen diesen Umstieg bei der Installation dieser Technologie und beim Kauf von Batterien. Es gibt dadurch nachhaltig produzierten Strom – unabhängig vom öffentlichen System. Ein weiteres Element beim Organisieren des Alltags unter diesen prekären Bedingungen sind Handys. Auch deren Signalmasten arbeiten mit Photovoltaik-Technik. Dadurch können die Netzwerke, von denen wir hier sprechen, funktionieren. Auf diese Weise schließen sich die Leute auch kurz, um sich gegen Gangs zu wehren.

iz3w: Der UN-Sicherheitsrat hat Anfang Oktober die Entsendung einer internationalen Polizeimission unter der Führung Kenias nach Haiti beschlossen. Das soll ein Beitrag zur Stabilisierung der katastrophalen Sicherheitslage sein. Wie diskutieren die Menschen, mit denen Ihr sprecht, über diese Initiative?

RS: Die Menschen haben überwiegend keine guten Erinnerungen an die letzte UN-Mission in Haiti (MINUSTAH), die mit ihren internationalen Truppen von 2004 bis 2017 im Land war. Sie machte immer wieder durch Korruption, Diebstähle und sexuelle Gewalt von sich reden. An einem ihrer Stützpunkte im Norden brach eine verheerende Cholera-Epidemie aus. Die Skepsis gegenüber der Präsenz bewaffneter internationaler Missionen ist groß. Es gibt berechtigte Zweifel, ob es den Polizeieinheiten aus Kenia und den karibischen Nachbarländern gelingen wird, bis an die Wurzel des Problems, den Verflechtungen zwischen den Gangs, Regierungs- und Oppositionspolitikern sowie Geschäftsleuten, vorzudringen.

»Für viele Probleme im Land sind die einheimischen Machteliten verantwortlich.«

Natürlich wünschen sich die Menschen – auch weitab von der Hauptstadt Port-au-Prince – ein Ende der Gewalt und des Terrors. Sie wollen endlich bessere Bedingungen, um die wirtschaftliche Abwärtsspirale zu stoppen und den Hunger im Land zurückzudrängen. Fast die Hälfte der Bevölkerung hat nicht genug zu essen. Die Lösung für die Beendigung dieses Albtraums muss sich aus der haitianischen Gesellschaft heraus entwickeln. Denn auch das gehört zur Wahrheit: Für viele Probleme im Land sind die einheimischen Machteliten verantwortlich. Sie hatten bisher kaum Probleme damit, ihre Interessen mit brutalster Gewalt durchzusetzen.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Ihr arbeitet jetzt seit 1998 in verschiedenen Rollen und Aufgaben in Port-à-Piment und Les Cayes. Was ist nach 25 Jahren Eure wichtigste Lernerfahrung?

RS: Wir wurden damals von cfi (Christliche Fachkräfte International) nach Port-à-Piment entsandt, damit ich als gelernter Schlossermeister und Berufsschullehrer aus dem Stand heraus die Leitung der CDCSH-Handwerksschule in Port-à-Piment übernehme – und das als jemand, der zuvor nie in Haiti gewesen war. Ulrike und ich haben in diesem Vierteljahrhundert miterlebt, wie kirchliche Entwicklungs- und Entsendeorganisationen dazugelernt haben. Heute wäre es undenkbar, dass un blan, ‚ein Weißer‘, wie man auf Kreolisch sagt, einfach so einem haitianischen Kollegenteam vorgesetzt wird. Es gibt zum Glück eine Abkehr von derartigen kolonialen Rollenmustern. Dieser veränderte Blick hat es uns ermöglicht, bis heute weiter zu arbeiten, Teil von immer wieder wechselnden Teams zu sein, ständig dazu zu lernen – aber auch, uns als Personen zurück zu nehmen. Wir lernten zu verstehen, dass es unsere haitischen Kolleg*innen und Freund*innen sind, die über die Arbeit vor Ort und über die Zukunft ihres Landes entscheiden müssen.

Das Interview führte Jürgen Schübelin. Er leitete 21 Jahre lang das Lateinamerika- und Karibik-Referat der Kindernothilfe und kooperierte mit den im Interview genannten Projekten.

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