Die Selbstwirksamkeit fehlt
Das Einfordern versprochener Rechte ist ein Anfang
Viele Erfahrungen der Fremdbestimmung bleiben innerhalb der kapitalistischen Gesellschaftsordnung unüberwindbar. Dies führt zu einer Selbstwirksamkeitskrise. Am wirkmächtigsten ist sie in der Generation Z.
Im globalen Süden entflammen regelmäßig Proteste gegen nicht eingelöste Demokratieversprechen, gegen den autoritären Umbau von Staat und Gesellschaft oder für bessere Lebensumstände. In weiten Teilen der Welt wählen wahlrechtlich weiblich klassifizierte Menschen eher linksliberal, wahlrechtlich männlich gelesene eher faschistisch. Diese unterschiedlichen Phänomene sind auch in der Gen Z spürbar und bilden sich vor dem Hintergrund der globalen Polykrise aus. Diese Vielfachkrise trifft besonders die junge Generation: Sie ist mit politischen Enttäuschungen noch nicht vertraut. Und sie wird, etwa beim Klimawandel, in der Zukunft mit den Problemen konfrontiert sein, deren Lösung heute nicht angegangen wird. Sie wird aufgrund der Folgen der Klimakrise eher reparieren und verzichten müssen.
Ökonomie und Imperialismus
Die Vielfachkrise ist innerhalb des kapitalistischen Systems jedoch unlösbar. Auf der sozialpsychologischen Ebene wirkt sich die Erfahrung nicht eingelöster Demokratieversprechen angesichts der aktuellen Vielfachkrise als eine Erfahrung der Fremdbestimmung aus – als Selbstwirksamkeitskrise.
Über die wichtigen Fragen entscheiden die Menschen nicht selbst
In der Polykrise wirken verschiedene, sich wechselseitig beeinflussende Krisenprozesse zusammen. Zu diesen gehört zentral die Klimakrise, die mit der imperialen Lebensweise gerade im globalen Norden angeheizt wird. Gleichzeitig übernehmen kapitalistisch aufstrebende Staaten des globalen Südens diese Lebensweise. Eine Krise, die fortlaufend und sich beschleunigend Teile der Oberfläche dieses Planeten unbewohnbar macht. Im Zusammenhang mit der Klimakrise stehen deshalb die sich verschärfende Krise der Ernährungssicherheit sowie die Krise der Flucht – also die Krise, dass Flüchtenden der Zugang zu bewohnbarem Lebensraum verwehrt wird.
Dazu gehört ebenfalls die soziale Krise, in der die materielle Ungleichheit wächst und Macht ungleich verteilt wird. Ausgelöst wurde sie durch mehrere Jahrzehnte der neoliberalen Organisation von Arbeit, Recht und Staat. Der Neoliberalismus, der kein Morgen kennt, frisst seine Kinder und hinterlässt zum Beispiel marode Bahn-Infrastrukturen. Der neue Imperialismus ist ein weiteres Beispiel für eine Politik, die kein Morgen kennt. Es ist die zukünftige Generation, die die politischen und materiellen Schäden etwa des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine tragen muss.
Wohnen und Care
Zur globalen Polykrise zählt auch die Gesundheitskrise: Erstens als Erfahrung in der Corona-Pandemie, in der kaputtgesparte Gesundheitssysteme mancherorts schwer unter Druck gerieten und andernorts zusammenbrachen. Zweitens als eine Gesundheitskrise, in der vielen Menschen aufgrund ökonomischer und rechtlicher Ungleichheit der Zugang zu notwendigen Gesundheitsleistungen verwehrt bleibt. Durch die aktuelle Einstellung gesundheitlicher Hilfsprogramme – wie etwa von USAID-Zuschüssen für die Familienplanung in afrikanischen Ländern – wird diese weiter verschärft.
Auch die globale Wohnungskrise ist der Polykrise zuzurechnen. Die Zielsetzung, bezahlbaren, gesunden und sinnvoll gelegenen Wohnraum für die Menschen zu schaffen, funktioniert nicht in befriedigender Weise über den Markt. Kapitalistische Logik und soziale Menschenrechte schließen sich aus. Dasselbe gilt für die Care-Krise, die eine Doppelbelastung von Fürsorge und Lohnarbeit (oft für Frauen) mit sich bringt, die nicht mehr bewältigt werden kann. So werden Pflegekräfte aus dem Süden über globale Fürsorgeketten für die Care-Arbeit des globalen Nordens ausgebeutet (iz3w 362).
Hegemonie und Demokratie
Die Polykrise beinhaltet auch die Legitimationskrise der Gesellschaftssysteme der repräsentativen Demokratie, in denen Herrschaft über politische Repräsentanz legitimiert wird. Einerseits beschneidet der neue Autoritarismus, etwa der Trump-Regierung, demokratische Errungenschaften. Andererseits wurden früher schon bestehende Demokratiedefizite durch die Versprechung von Wohlstand und Konsum substituiert – was mit der Wirtschaftskrise nun wegfällt. In den wachsenden, etwa ökologischen Notlagen ist die Versprechung vom unbegrenzten Konsum hinfällig.
Die Gen Z wird aufgrund der Folgen der Klimakrise eher reparieren und verzichten müssen
Hieran knüpft die Krise des liberalen Fortschrittsglaubens an, denn nach dem Zusammenbruch des religiösen und des kommunistischen Messianismus gerät durch die Polykrise auch die kapitalistische Erlösungs-Erzählung in Erklärungsnot. Vom liberalen Glauben bleibt wenig: ein diffuses Demokratie-Ideal oder das Lob des staatlichen Machtmonopols bei gleichzeitiger Freiheit der Wirtschaft. Verschärft wird diese Krise dadurch, dass das Demokratie-Ideal im Diskurs der Neuen Rechten als bereits widerlegt erzählt wird: durch Korruption, als Politik gegen »die kleinen Leute«, als generelle Unmöglichkeit demokratischer Prozesse. Demgegenüber fordern die demografisch jungen Proteste wie etwa in Kenia, dass die formellen demokratischen Versprechungen auch eingelöst werden. Dabei, etwa bei den Protesten in Serbien, sind basisdemokratische Prinzipien innerhalb der Protestbewegungen weit verbreitet.
Patriarchat und Rassismus
Auch das Patriarchat ist vielerorts in die Krise geraten. Eine Krise, in der die Reproduktion und das Herrschaftsfundament von Männlichkeit – sichtbar in der Abwertung von Fürsorge- und Reproduktionsarbeit – durch die ökonomische Emanzipation von Frauen und Queers infrage gestellt wird. Hinzu kommt die in Auflösung begriffene bürgerliche Kleinfamilie – charakterisiert über das Modell des Familienernährers. Diese Entwicklungen führen wiederum zu einem sexistischen und antifeministischen Backlash und zur Reorganisation patriarchaler Herrschaftsstrukturen.
Im globalen Norden steckt außerdem die weiße Identitätsbildung in der Krise. Von rassifizierten Menschen wurde mehr Anerkennung und ökonomische Teilhabe erkämpft. Zudem stellen aufstrebende Ökonomien des globalen Südens die Vorherrschaft der weiß positionierten Staaten in Frage. Das erschwert die weiße Identitätsbildung als hegemoniale Form des Mensch-Seins. Eine Reaktion darauf ist die Entrechtung von Migrierenden und die Formierung rassistischer Bewegungen.
Selbstwirksamkeit
Weil mehrere Elemente der Polykrise die Menschheit als gesamte bedrohen, müsste die Menschheit nun auch als gesamte zusammenwirken, um diesen Bedrohungen zu begegnen. Da Menschen jedoch nicht als Menschheit organisiert sind – sondern über konkurrierende Herrschaftsinteressen – erfahren sie sich als selbstunwirksam. Gerade die Gen Z ist durch das Erleben dieser Selbstunwirksamkeit geprägt, da sie in der Polykrise aufgewachsen ist. Dies gilt systemübergreifend, da der Unterschied zwischen Herrschaftssystemen parlamentarischer Repräsentanz und autokratischer Herrschaft vornehmlich im Ausmaß der Zugänglichkeit zu liberalen Freiheiten besteht, dagegen weniger im Bereich der gemeinsamen, vor allem ökonomischen, Belange.
Über die wichtigen Fragen entscheiden Menschen nicht selbst, sondern das jeweilige Herrschaftssystem, in dem sie leben. Hier zählen die Logiken kapitalistischer Ökonomie, nationalstaatlicher Konkurrenz und des Patriarchats.
Krisenreaktionen
Wie reagiert die Gen Z auf diese Selbstwirksamkeitskrise? Besonders im globalen Süden erfolgt die Reaktion in Form einer demokratischen Rebellion gegen die eigenen Herrschaftssysteme – als Einforderung nicht eingelöster Demokratisierungsversprechen. Der Ruf nach Demokratisierung war schon im Arabischen Frühling relevant; und er ist es bei den jungen Protesten etwa in Kenia. Im globalen Norden erfolgt Protest zurzeit oft als »autoritäre Revolte«, also regressiv: Die Neue Rechte fordert die Rückkehr zur idyllisch imaginierten Volksgemeinschaft ohne Migration und »Gender-Gaga«.
Lösbar ist die Polykrise nur, wenn die Bedingungen eines in konkurrierende Nationalstaaten und Machtblöcke geteilten Kapitalismus überwunden werden und Bewegungen sich nicht auf das Einfordern liberaler Freiheiten beschränken. Die Menschheit muss sich über gegenwärtig entwickelte gesellschaftliche Praxen direkter Demokratie, Commons und Vergesellschaftung über Nationalstaaten, den Kapitalismus und alle anderen Herrschaftsverhältnisse hinweg organisieren. Das ist generationenübergreifend. Aber die Gen Z ist von den Zukunftsthemen besonders betroffen. Sie muss an den bestehenden Herrschaftssystemen vorbei eine gemeinsame ökonomische und politische Basis schaffen, um im Dialog aller Menschen allgemeine und besondere menschliche Freiheit sowie die Freiheit aller Lebewesen auszuhandeln.