Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 381 | Antisemitismus Vergangenheitspolitik: »Das ist für uns unerträglich«

Vergangenheitspolitik: »Das ist für uns unerträglich«

Interview mit Mehdi Lallaoui über Frankreichs Kolonialmassaker in Sétif.
Mehdi Lallaoui wurde 1956 geboren, stammt aus einer algerischen Familie und lebt in Frankreich. Er ist Filmregisseur, Drehbuchautor und Schriftsteller. Lallaoui hat fast fünfzig Dokumentarfilme gedreht sowie fünf Romane, drei Gedichtbände und ein Dutzend Sachbücher verfasst.Lallaouis Film »Les Massacres de Sétif, un certain 8. Mai 1945« aus dem Jahr 1995 zählt zu den ersten Versuchen, die »Mauer des Schweigens« zu durchbrechen, die bis dahin das Gedenken an französische Kolonialverbrechen in Algerien verhinderte. Im September 2020 lief dieser Film aus Anlass des 75-jährigen Endes des Zweiten Weltkriegs bei den Afrika Film Tagen in Köln und in Wuppertal.
Mehdi Lallaoui und Bernhard Langlois: Les Massacres de Sétif, un certain 8.
Mai 1945 (»Die Massaker von Sétif – Ein anderer 8. Mai 1945«). Frankreich 1995, 56 Minuten, OF franz./arab. m. dt. UT.


iz3w: Sie sind Mitbegründer der Initiative »Au Nom de la Mémoire« (»Im Namen der Erinnerung«)? Was sind deren Ziele?

Mehdi Lallaoui: Die Initiative wurde vor dreißig Jahren gegründet und setzte sich als erstes für die Anerkennung eines Ereignisses ein, das in Frankreich bis dahin vollständig unter Verschluss gehalten und totgeschwiegen worden war: Das Massaker, das die französische Polizei am 17. Oktober 1961 an algerischen Arbeitern in Paris verübte (s. Anmerkung 1) Wir haben dazu Veranstaltungen organisiert, Bücher publiziert und Filme gedreht. Erst im Jahr 2012 wurde dieses Massaker endlich vom französischen Staatspräsidenten anerkannt. Wir bereiten auch in diesem Jahr Gedenkveranstaltungen am 17. Oktober zu den Ereignissen von 1961 vor.

Darüber hinaus haben wir uns in den dreißig Jahren in vielen Bereichen engagiert, zum Beispiel zu Themen wie Einwanderung und sozialer Wohnungsbau. Wir sind keine kulturelle Initiative, sondern ein Zusammenschluss von Aktivist*innen. Wir beteiligen uns an Demonstrationen gegen Rassismus und für Gleichberechtigung, und wir haben Dutzende Ausstellungen und Veranstaltungen organisiert, um an historische Ereignisse zu erinnern, die in Vergessenheit geraten sind. Dazu gehört die koloniale Vergangenheit Frankreichs, aber auch die Geschichte der Arbeiterbewegung und der Migration.

 

Inwieweit hat Ihre Herkunft aus einer algerischen Familie Ihr Interesse an der Kolonialgeschichte geprägt?

Ich gehöre zur dritten Generation der Franko-Algerier. Mein Großvater ist als Soldat im Ersten Weltkrieg nach Frankreich gekommen. Aus dem gesamten französischen Kolonialreich wurden schon damals nicht nur Arbeiter, sondern auch Soldaten eingezogen, um Frankreich zu retten, »das französische Mutterland«, wie es damals hieß. Die Einwanderungsgeschichte meiner Familie reicht somit hundert Jahre zurück, und deshalb interessiere ich mich auch für die Geschichte der Migration im Allgemeinen. So haben wir mit unserer Initiative »Au Nom de la Mémoire« ein umfangreiches Buch über die Kolonialsoldaten publiziert, die im Ersten Weltkrieg gekämpft haben. Heute leben Millionen Menschen in Frankreich, die von Kolonisierten aus dem Maghreb, aus weiteren afrikanischen Ländern und von anderen Kontinenten abstammen. Aber ihre Geschichte wird kaum wahrgenommen. Deshalb hat unsere Initiative sie zum Schwerpunkt ihrer Arbeit gemacht.

 

Sie setzen sich in Ihren Filmen, Romanen und Sachbüchern für ein kritisches Geschichtsbewusstsein ein. Wie ist die regierungsoffizielle Haltung zur französischen Kolonialgeschichte?

Sechzig Jahre nach dem Ende des Algerienkrieges hat Frankreich seine Kolonialgeschichte immer noch nicht aufgearbeitet. Es wird deshalb immer wieder von seiner kolonialen Vergangenheit eingeholt. So zum Beispiel im Jahr 2000, als die französischen Folterpraktiken während des Algerienkriegs in öffentlichen Debatten immer noch abgestritten wurden. Und 2005, als Präsident Nicolas Sarkozy ein »Ministerium für Zuwanderung und nationale Identität« gründete. 2007 behauptete er in einer Rede in Dakar, Afrika sei »noch nicht ausreichend in die Geschichte eingetreten«. In der jüngeren Vergangenheit sprach auch Präsident François Hollande von einem »Verfall der nationalen Identität«.

All das richtet sich gegen die Nachfahren der Kolonisierten und hat die Funktion, Wählerstimmen zu generieren. Seit drei Jahrzehnten gibt es in Frankreich eine sehr starke extreme Rechte. Deren Wählerschaft wird durch Reden gegen Einwanderung und Einwander*innen hofiert sowie durch die Verleugnung der Kolonialgeschichte. Selbst 2020 werden weiterhin Lügen über die »positive« Rolle verbreitet, die die Kolonisierung angeblich für Algerien gespielt haben soll. Das ist für uns unerträglich.

 

Hatten Sie bei Ihren Recherchen Zugang zu staatlichen Archiven?

Historische Recherchen sind für Bürger*innen, Historiker*innen und Forscher*innen in Frankreich sehr schwierig, da viele Archive nicht einsehbar sind. Noch vor zwei Monaten hat das Verteidigungsministerium das Verbot erneuert, in seinen Archiven Akten zu konsultieren, die mit dem Algerienkrieg in Zusammenhang stehen. Ich hatte das Recht zur Nutzung von historischen Filmaufnahmen aus dem Archiv des französischen Militärs erworben, musste dann jedoch feststellen, dass Sequenzen daraus weggeschnitten worden waren, die erst Jahre später wieder auftauchten.

 

Ihr Film über den 8. Mai 1945 erschien 1995, zum 40. Jahrestag des Kriegsendes. Wie war die Resonanz in Frankreich und welche Reaktionen gab es in Algerien?

Ich habe meinen Film über die Massaker von Sétif nur unter großen Schwierigkeiten drehen können. In Algerien tobte damals der Bürgerkrieg. Die GIA (Groupe Islamique Armé) verübte politische Morde mit dem Ziel, die algerische Regierung zu stürzen und einen islamistischen Staat zu gründen (s. Anmerkung 2). Deshalb war es sehr gefährlich, durch Algerien zu reisen und Interviews mit Zeitzeug*innen zu führen. In Frankreich zeigte kein einziger französischer Fernsehsender Interesse. Niemand wollte einen solchen Film zum 40. Jahrestag des Sieges über Nazideutschland zeigen. Dabei waren am 8. Mai 1945 in den algerischen Städten Sétif, Guelma und Kherrata tausende Menschen bei bestialischen Massakern ermordet worden.

Nur der französisch-deutsche Fernsehsender ARTE war schließlich bereit, den Film zu zeigen. Die Ausstrahlung am 8. Mai 1995 stieß auf eine enorme Resonanz. Dazu gehörten auch Anfeindungen von Seiten derjenigen, die der Kolonialzeit nachtrauerten. Aber die Aussagen der Zeitzeug*innen, von denen 1995 noch viele am Leben waren, regten vor allem algerische Autor*innen und Dokumentarist*innen zu weiteren historischen Studien und Filmen über das Thema an. Inzwischen finden jedes Jahr am 8. Mai nicht nur Veranstaltungen zur Erinnerung an den Sieg über Nazideutschland statt, sondern in zwanzig französischen Städten auch Gedenkveranstaltungen an die Opfer der Massaker von Sétif.

In Algerien lief der Film am 8. Mai 1995 zur Hauptsendezeit um 20.45 Uhr im Fernsehen und löste bei den Zuschauer*innen starke Emotionen aus. Niemand hatte geglaubt, dass wir es schaffen würden, in Europa einen Film über die Massaker aus der Kolonialzeit zu realisieren. Der Film lief überall in Algerien. Er hat eine Dynamik zur Wiederaneignung der Geschichte losgetreten, die zu den konkreten Forderungen führte, dass Frankreich Reparationszahlungen leisten und sich endlich seiner Verantwortung für die Ereignisse am Tag des Kriegsendes in der Region um Sétif stellen sollte. Schließlich waren auch von dort viele ausgezogen, um Europa vom Faschismus zu befreien.

 

Waren die französischen Kolonialverbrechen im Mai 1945 die Initialzündung für die Aufnahme des bewaffneten antikolonialen Kampfes durch die Front de Libération Nationale (FLN) am 1. November 1954?

Die Massaker im Mai und Juni 1945 in Algerien markierten tatsächlich einen Bruch in den Beziehungen zu Frankreich. Es ist wichtig, daran zu erinnern, dass der Großteil derjenigen, die neun Jahre später die FLN gründeten, ehemalige Soldaten waren, die Frankreich befreit hatten. Sie waren aus dem Krieg in Europa nach Algerien zurückgekehrt und mussten dort mit ansehen, wie ihre Familien massakriert wurden. Und wann immer Algerier*innen in den Jahren danach Forderungen nach Freiheit stellten, folgten als Antwort Frankreichs weitere Massaker. Die Erfahrungen von Mai und Juni 1945 waren somit tatsächlich der Ausgangspunkt für den Beginn des Algerienkrieges im November 1954, der fast acht Jahre dauern und zur Unabhängigkeit führen sollte.

 

Sechs Jahrzehnte nach dem Ende des Algerienkrieges ist die ehemalige Unabhängigkeitsbewegung FLN eine Klientelpartei für eine korrupte Elite. Vor Beginn des Corona-Lockdowns forderten Hunderttausende in Massendemonstrationen deren Rücktritt. Sie arbeiten an einem Film über die Protestbewegung, deren arabische Bezeichnung »Hirak« lautet. Wie schätzen Sie deren Chancen ein?

Der »Hirak« ist eine außergewöhnliche Bewegung der Zivilbevölkerung in allen 48 Wilayas (Provinzen) des Landes. Seit letztem Jahr haben tausende Männer, Frauen und Kinder jeden Freitag friedlich demonstriert. Sie fordern demokratische Freiheiten und eine wirkliche Unabhängigkeit und protestieren gegen den Machtanspruch Bouteflikas (s. Anmerkung 3). Die Demonstrationen verliefen auf bewundernswerte Weise. Alles blieb friedlich, es gab keinerlei Zwischenfälle und nach den Protestzügen in den großen Städten reinigten die Teilnehmer*innen anschließend selbst die Straßen.

Aufgrund der Pandemie mussten die Demonstrationen unterbrochen werden. Aber die Arbeit ist noch nicht getan. Heute fordern die Demokrat*innen die Freilassung der politischen Gefangenen. Der bekannteste von ihnen, Khaled Drareni, ist Journalist und arbeitete für Reporter ohne Grenzen und den Fernsehsender TV5Monde. Er wurde vor einigen Tagen zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, nur weil er Artikel über die Protestbewegung veröffentlicht hatte. Wir schreiben das Jahr 2020! Nur Diktaturen werfen Journalist*innen ins Gefängnis. Aber die Hirak-Bewegung wird sich neu formieren und für die Befreiung der Männer und Frauen eintreten, die für ihre Ideen im Gefängnis sitzen. Sie ist ein konstanter Strom von Sand im Getriebe der Mächtigen, eine mächtige Welle, gespeist aus der Abscheu der algerischen Gesellschaft vor der Diktatur sowie vor den illegalen Machenschaften und der Misswirtschaft der korrupten Machthaber.

 

Im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung gibt es in zahlreichen Ländern Initiativen zum Sturz von Denkmälern, die die Kolonialgeschichte glorifizieren. Wie wird das Thema in Frankreich diskutiert?

Für unsere Organisation »Au nom de la mémoire« besteht der Kampf um Würde und Gerechtigkeit auch in der Aneignung des öffentlichen Raumes. Deshalb haben wir in den letzten dreißig Jahren immer wieder Gedenktage veranstaltet, um an Kolonialverbrechen zu erinnern. Wir haben Tafeln mit den Namen von Aktivist*innen aufgestellt, die wegen ihres antikolonialen Engagements ermordet wurden. In Folge der »Black-Lives-Matter«-Bewegung ist es wichtig, Statuen von Kolonialverbrechern, Sklavenhändlern und Rassisten zu stürzen. Wir haben mit unserer Initiative auch gegen die Errichtung eines Denkmals für General Marcel Bigeard durch die französische Regierung opponiert. Denn er war ein Kriegsverbrecher im Algerienkrieg (s. Anmerkung 4). Deshalb haben wir gegen seine Beisetzung im Pantheon protestiert, wo Menschen begraben sind, die »Großes« für die Französische Republik geleistet haben. Sich mit Symbolen wie diesen auseinanderzusetzen ist wichtig. Deshalb müssen Straßen, die nach Kriminellen benannt sind, umbenannt werden.

Es ist unerträglich, dass im 21. Jahrhundert in unseren Städten immer noch Statuen stehen, die zum Gedenken an Menschen errichtet wurden, die Verbrechen gegen die Menschheit begangen haben, sei es zur Zeit der Sklaverei, bei kolonialen Massakern oder durch die Ermordung von Freiheitskämpfer*innen. Im Lichte dessen, was sich in den USA abgespielt hat, müssen wir die Wiederaneignung des öffentlichen Raumes vorantreiben und Menschen aufklären, um zu verhindern, dass sich Geschichte wiederholt. Nicht Kolonialverbrecher sollen das letzte Wort haben, sondern die Männer und Frauen, die sich für Gleichberechtigung, Freiheit und die Anerkennung der Geschichte einsetzen.

 

Anmerkungen

1)  Der Algerienkrieg (1954-1962) war der einzige bewaffnete Unabhängigkeitskampf, der nicht nur in einer Kolonie, sondern auch in der kolonialen Metropole selbst ausgefochten wurde. Hunderttausende Algerier*innen lebten und arbeiteten damals schon in Frankreich. Sie sammelten nicht nur Geld für die algerische Befreiungsbewegung FLN, sondern demonstrierten auch in französischen Städten für die algerische Unabhängigkeit. Die französische Regierung reagierte darauf mit brutaler Gewalt und ließ am 17. Oktober 1961 Hunderte algerische Demonstrant*innen mitten in Paris zusammenschießen. Nach diesem Massaker trieben Leichen von Algerier*innen in der Seine. [Anm. des Interviewers]

2)  Auslöser des algerischen Bürgerkriegs war die Annullierung der ersten freien Parlamentswahlen seit der Unabhängigkeit im Dezember 1991 durch einen Militärputsch nach dem Wahlsieg der Islamischen Heilsfront (Front Islamique du Salut, FIS). Islamistische Guerillaeinheiten wie die GIA reagierten darauf mit Terroranschlägen, Massakern und Massenmorden. Der zehn Jahre anhaltende Bürgerkrieg forderte bis zu 200.000 Tote. Zehntausende Menschen verschwanden für immer und Hunderttausende flüchteten ins Exil. [Anm. des Interviewers]

3)  Bei den Präsidentschaftswahlen in Algerien im Jahr 2019 wollte der senile und handlungsunfähige Kandidat der FLN, Abdelaziz Bouteflika, für eine fünfte Amtszeit kandidieren. Massendemonstrationen insbesondere junger Algerier*innen verhinderten dies. Auch als Bouteflikas Kandidatur zurückgezogen wurde, gingen die Proteste unvermindert weiter und Hunderttausende forderten, dass »alle Vertreter des alten Systems« verschwinden sollten. [Anm. des Interviewers]

4)  Marcel Bigeard war ein hoch dekorierter Militär. Er übernahm 1975 das Amt des Staatssekretärs im Verteidigungsministerium und war von 1978 bis 1988 Abgeordneter der französischen Nationalversammlung. Im Algerienkrieg war er verantwortlich für Folterungen und Hinrichtungen von Unterstützer*innen der Unabhängigkeitsbewegung. [Anm. des Interviewers]

 

Das Interview führte Karl Rössel (recherche international & FilmInitiativ Köln). Übersetzung aus dem Französischen: Lise Mercier & Christiane Zender.

 

 

 

Tag der Befreiung in Europa – Tag der Trauer in Algerien

Am 8. Mai 1945 fanden auch in Algerien Umzüge zur Feier des Kriegsendes in Europa statt. Schließlich hatten zehntausende Algerier in diesem Krieg gekämpft. Viele von ihnen hofften, dass nun auch den Kolonien endlich Freiheit und Selbstbestimmung zugestanden würden, wie es die Alliierten in ihrer »Atlantik-Charta« versprochen hatten. In der algerischen Kleinstadt Sétif tauchte deshalb bei der Siegesfeier neben französischen, englischen und US-amerikanischen Fahnen auch eine algerische auf. Als der Umzug vor dem Café de France ankam, sah der Augenzeuge Lamri Bouras, dass ein französischer Kommissar »seinen Colt zog und in die Menge schoss. Weitere Schüsse wurden von den Balkons abgefeuert.«

Schon an diesem Tag gab es hunderte Tote. Proteste gegen das Gemetzel in der gesamten Region waren die Folge. Die französische Kolonialverwaltung reagierte darauf mit Einsätzen der Luftwaffe und der Marine. »Die Soldaten schossen auf alles«, erinnert sich Haada Mani, »die Leute fielen wie trockene Weintrauben.« Nach Angaben der französischen Kolonialbehörde kamen bei den Massakern 1.500 Menschen ums Leben, algerische Quellen sprechen von bis zu 45.000 Opfern.

Als Ende Mai 1945 die algerischen Soldaten, die für die Befreiung Europas gekämpft hatten, aus dem Krieg zurückkehrten, fanden viele ihre Familien nicht mehr wieder. So auch Lounès Hanouze: »Als ich in Kherratta ankam, stand da eine lange Schlange von Menschen ... Sie wollten mir etwas sagen, aber sie weinten ... Ich fragte: ‚Wo sind meine Leute? Wo ist mein Vater?’... Schließlich erklärte man mir: Man hat sie zuerst auf einem Lastwagen gesehen. Dann wurden sie zur Schlucht von Kherrata gebracht. Dort, an der Brücke – sie heißt heute Hanouze-Brücke –, wurden mein Vater und meine Brüder vor die Wahl gestellt: Sollen wir mit ihm beginnen oder mit Euch? ... Ich glaube, mein Vater wurde als erster erschossen ... Was soll ich meinen Kindern erzählen? Während Euer Vater Frankreich befreit hat, haben die Drückeberger der französischen Armee in Algerien unsere Angehörigen massakriert, Eure Onkel, Euren Großvater und weitere 45.000, haben sie in die Schlucht von Kherrata geworfen und dort einen Monat lang den Hunden zum Fraß überlassen? Wir kommen aus dem Krieg zurück und unsere Familien sind füsiliert ... Das kann man nicht vergessen.«

Der 8. Mai ist in Frankreich bis heute ein nationaler Feiertag. In Algerien gilt er als Tag der Trauer. Die Straße in Sétif, in der die ersten Schüsse fielen, ist nach dem »8. Mai 45« benannt. An der Wand vor dem ehemaligen Café de France erinnert eine Gedenktafel an den »ersten Märtyrer, Saal Bouzid«, der hier erschossen wurde.

Die französische Fremdenlegion hat ihre Verantwortung für das Massaker in der Schlucht von Kherrata in Stein gemeißelt und dort die zynische Inschrift hinterlassen: »Légione Étrangère 1945«. Unweit davon steht neben einem verfallenen Kalkofen auf einer Blechtafel in arabischer Sprache: »Diesen Ofen benutzten die Franzosen, um die Leichen der Märtyrer vom 8. Mai 1945 zu verbrennen. Er zeugt von den Gräueln und erzählt den künftigen Generationen die Geschichte der Freiheit: ‚Sie ist meine Braut, aber ihre Mitgift ist Blut.’«

 

Der Text beruht auf der Ausstellung »Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg« von recherche international e.V. (siehe www.3www2.de). Die Zitate der Zeitzeugen stammen aus dem Film »Les Massacres de Sétif, un certain 8. Mai 1945«.

381 | Antisemitismus
Cover Vergrößern