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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 381 | Antisemitismus Die unsichtbare Macht

Die unsichtbare Macht

Verschwörungsmythen haben Hochkonjunktur. Zwischen Verschwörungsmythen und Antisemitismus bestehen starke Verbindungen, Antisemitismus ist vielleicht der älteste Verschwörungsmythos überhaupt. Im Mittelpunkt antisemitischer Erzählungen steht »die jüdische Weltverschwörung«. Dieses Motiv wird in der Covid-19-Pandemie aktualisiert.

von Nikolas Lelle und Jan Rathje

Verschwörungsideologien verbreiten und erneuern sich besonders in Krisenzeiten (siehe iz3w 371). Die aktuelle Krise im Zuge der Covid-19-Pandemie verdeutlicht das eindrücklich. Dabei wandeln sich die zentralen Mythen um Covid-19 im Laufe der Pandemie: Zu Beginn wurde das Virus als Waffe dargestellt oder seine Existenz geleugnet. Der mutmaßliche chinesische Ursprung diente im Frühjahr als Rechtfertigung für antiasiatische, rassistische Anfeindungen und Übergriffe. Parallel wurden jedoch auch antisemitische Anschuldigungen in verschwörungsideologischen Milieus verbreitet. Im Laufe des Jahres verschoben sich die Hauptnarrative und warnten nun vor der Übertreibung der Gefährlichkeit des Virus, mit der angebliche »Zwangsimpfungen« zur Bevölkerungskontrolle gerechtfertigt werden sollten. Hinzu kommen weitere Verschwörungen rund um das Virus, welche angeblich etwa auf eine »Neue Weltordnung« (NWO) »satanistischer« »Globalisten« hinauslaufen.

Der »Widerstand« gegen diese »Verschwörungen« versammelt Menschen aus unterschiedlichen Milieus: Verschwörungsideolog*innen, Unternehmer*innen und Selbständige, Esoteriker*innen, Friedensbewegte, Rechtsextreme und Pegida-Fans, »Reichsbürger« und andere Souveränist*innen sowie Impfgegner*innen und vereinzelte christliche Gruppierungen. Regional unterscheidet sich die Zusammensetzung der Teilnehmenden, die größte Einheit aus den Milieus konnte die Stuttgarter Organisation Querdenken 711 auf zwei Demonstrationen im August 2020 herstellen.

Bei genauerer Betrachtung der von diesen unterschiedlichen Gruppierungen geteilten Erzählungen und Feindbilder wird eine antisemitische Struktur deutlich. Fragt man nach, wer etwa die »Finanzeliten« oder »Globalisten« sind, werden häufig jüdische Namen genannt. George Soros und die Bankiersfamilie Rothschild würden laut dieser Verschwörungsmythen die Menschen und Organisationen steuern – und natürlich werden dem auch nicht-jüdische Namen wie etwa Bill Gates beigefügt. Prominente antisemitische Verschwörungsideolog*innen nutzen Codes und Chiffren wie »NWO«, »Hochfinanz«, »Finanzeliten«, »Globalisten« und andere, um latent vorhandene antisemitische Einstellungen anzusprechen.

Dies wird durch einen weiteren Umstand erleichtert: Die Erzählungen um die Pandemie sind selten neu, sondern lassen sich, vor allem im Internet, schnell auf das wichtigste Dokument des Antisemitismus zurückführen, die fiktiven »Protokolle der Weisen von Zion«. In ihnen sind viele moderne Verschwörungserzählungen versammelt und antisemitisch gelabelt. Teil des Planes zur Erringung einer »jüdischen Weltherrschaft« sei laut ihnen: die Steuerung von Ökonomie, Politik, Medien, Wissenschaft, radikaler Bewegungen und ähnlichem. Aber auch die Verursachung von globalen Wirtschaftskrisen oder die Verbreitung von Krankheiten. Die daraus resultierenden Ausnahmezustände würden schließlich für den Übergang zu einer autoritären Herrschaft instrumentalisiert. Vieles, was man aktuell bei von Corona-Leugner*innen auf den Straßen hört, klingt sehr ähnlich.

Von der Ritualmordlegende…

Historisch kann man feststellen, dass der Antisemitismus vielleicht die älteste Verschwörungserzählung der Welt ist. Schon der christliche Antijudaismus verbreitete die Erzählung, »die Juden« hätten den sogenannten Messias gekreuzigt und würden christliche Kinder ermorden. Diese Ritualmordlegende hat vielen Jüdinnen und Juden das Leben gekostet und wurde immer wieder zum Anlass für antisemitische Pogrome genommen. Nicht nur historisch besteht eine Verbindung zwischen Antisemitismus und modernen Verschwörungsmythen, auch systematisch. Sie treten oft zusammen auf, verweisen aufeinander, sie befruchten sich und ähneln sich in ihrer Struktur und Funktion. Diese Ähnlichkeit hat zur Folge, dass Verschwörungsmythen tendenziell auf Antisemitismus zulaufen.

So ist auch der moderne Antisemitismus wesentlich durch Verschwörungsmythen geprägt. Im Mittelpunkt seiner Erzählungen steht »die jüdische Weltverschwörung«, mit Rückgriff auf die »Protokolle«. Die in ihnen beschriebene unsichtbare Herrschaft »der Juden« kann als Vorbild für viele Verschwörungserzählungen gelten; auch für solche, in denen es nicht sichtbar um Jüdinnen und Juden geht.

Zentral sind die »Protokolle« nicht nur, weil sie ein bis heute weit verbreiteter Text sind, sondern auch weil die Charakterisierung »der Juden« mit den gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen Verschwörungserzählungen Konjunktur haben, korrespondiert. Der Historiker Moishe Postone wies auf den Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Antisemitismus hin: Die Eigenschaften, die »den Juden« in Verschwörungserzählungen wie den »Protokollen« zugesprochen werden, entsprechen bestimmten Eigenschaften des Kapitalismus selbst. »Die Juden« werden, so Postone, als »wurzellos, international und abstrakt« vorgestellt. Das sind übrigens Eigenschaften, die auch heute oft den neuen verschwörerischen Mächten zugeschrieben werden. Der »künstlichen« und abstrakten Welt »des Jüdischen« wird eine »natürliche« und konkrete eigene gegenübergestellt. Antisemitismus und Verschwörungsmythen liefern so nicht nur ein Fremdbild, einen Personenkreis gegen den gehandelt werden und der gehasst werden soll. Sie stiften auch ein positives Selbstbild.

…zu QAnon

Die Ritualmordlegende und die »jüdische Weltverschwörung« sind zwei Beispiele für alte Verschwörungsmythen, die regelmäßig aktualisiert werden – und das bisweilen auch ohne Bezug auf Jüdinnen und Juden. Diesen strukturellen Antisemitismus konnte man auch in den letzten Monaten beobachten. So vereint etwa die seit der Pandemie in Deutschland populäre QAnon-Verschwörungsideologie um eine globale, liberale Elite satanistischer Pädophiler verschiedene antisemitische Stereotype und Konzeptionen von der Ritualmordlegende bis hin zur Teufelsanbetung.

Der Soziologe Thomas Haury hat drei Strukturmerkmale des Antisemitismus identifiziert, die sich auch in Verschwörungsideologien finden lassen. Beide Ideologien sind erstens durch ein manichäisches Weltbild geprägt, also eines, in dem Gut und Böse einen existentiellen Kampf gegeneinander führen. Die Verschwörungsgläubigen wähnen sich als Erweckte im Widerstand gegen das Böse. Zweitens denken beide gesellschaftliche Zusammenhänge personifiziert – für das Übel in der Welt und hochkomplexe Ereignisse soll also eine konkret benennbare Gruppe verantwortlich sein und daran verdienen. Drittens sind beide vorherigen Elemente mit der Vorstellung identitärer Kollektive verbunden, in denen Individuen unveränderliche Eigenschaften aufgrund ihrer Herkunft, Kultur oder Religionszugehörigkeit zukommen.

Ein Merkmal ist zu ergänzen. Verschwörungsmythen und Antisemitismus sind beide Unterlegenheitsfantasien. Immer ist angeblich »die breite Masse«, »der kleine Mann«, »das Volk« – je nachdem – beherrscht von einer übermächtigen, aber zugleich besiegbaren Gruppe. Das ist eine gänzlich andere Logik als die des Rassismus, der die Überlegenheit der eigenen »Rasse« propagiert. Im Antisemitismus und in Verschwörungsideologien ist die eigene Gruppe der anderen unterlegen, weil die Verschwörer*innen über unsichtbare, abstrakte und vermittelte Macht verfügen.

Tödliche Unterlegenheitsfantasie

Der deutsche Nationalsozialismus war beides, rassistisch und antisemitisch. An seinen Verfolgungs- und Vernichtungspraktiken lässt sich der Unterschied ausmachen: Während russische und polnische Menschen verschleppt und zu Arbeit unter erbärmlichsten Bedingungen gezwungen wurden, sollten Jüdinnen und Juden durch diese Arbeit vernichtet werden. Dem eliminatorischen Antisemitismus des Nationalsozialismus reicht die Beherrschung von Jüdinnen und Juden nicht. Deren Übermacht kann, so der antisemitische Wahn, nur durch ihre Vernichtung gebrochen werden. Der Holocaust-Forscher Saul Friedländer spricht deshalb auch vom »Erlösungsantisemitismus«.

Die beschriebene strukturelle Verwandtschaft zwischen Antisemitismus und Verschwörungsideologie führt dazu, dass Verschwörungsmythen tendenziell auf Antisemitismus zulaufen, besonders auf der Ebene der Weltverschwörung. In der Covid-19-Pandemie ließ und lässt sich das wie in einem Zeitraffer beobachten. Es gibt keine andere historisch etablierte Unterlegenheitsfantasie, die den Personenkreis so genau bezeichnet. Auch deshalb greifen Verschwörungsgläubige auf Antisemitismus zurück, mal offen, mal verdeckt.

Gefährlich sind antisemitische Verschwörungsmythen nicht nur, weil sie das Gefühl des Erweckt-Seins vermitteln, sondern auch, weil sie zur Tat drängen. Die »Widerstand«-Rufe auf den Corona-Demos im Ohr und den antisemitischen Anschlag von Halle im Kopf ist es ein Leichtes zu sehen, wohin das führen kann.

 

Nikolas Lelle ist Sozialphilosoph und forscht zu Nationalsozialismus, Antisemitismus und Kritischer Theorie. Jan Rathje ist Politikwissenschaftler und forscht über Antisemitismus, Verschwörungsideologien und Rechtsextremismus im Internet.

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