Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 381 | Antisemitismus »Ein Jude versteckt sich hinter mir« - Israelbilder in Syrien und Libanon

»Ein Jude versteckt sich hinter mir« - Israelbilder in Syrien und Libanon

In Syrien gehört Antisemitismus zur staatlichen Propaganda. Doch nach neun Jahren Bürgerkrieg ist das Regime bei Vielen verhasster als Israel. Im pluralistischen Libanon gibt es schon länger eine differenzierte Debatte. Im Parlament sitzen neben der antisemitischen Hisbollah auch Parteien, die im Bürgerkrieg mit Israel kooperiert haben. In beiden Ländern gibt es zunehmend Stimmen, die die Feindschaft zu Israel in Frage stellen.

von Hannah Wettig

Ramzi ist vor fünf Jahren nach Deutschland gekommen. Davor hat er im Palästinenserviertel Yarmouk in Damaskus gelebt. Er erinnert sich an eine Lektion zum Zweiten Weltkrieg im dortigen Geschichtsunterricht der 8. Klasse: »Ich habe gefragt: Was ist eigentlich mit dem Holocaust? Der Lehrer antwortet: Den gab es nicht wirklich. Die Juden haben Hitler an die Macht gebracht und den Holocaust mehr oder weniger inszeniert, um ihren Anspruch auf unser Land zu bekräftigen.«

In syrischen Schulbüchern findet die Shoah keine Erwähnung. Der nationalsozialistischen Perspektive wird viel Raum gewidmet. Ein in der Oberstufe verwendetes Lehrbuch stellt Hitler als Mann mit hehren Zielen dar. Zum Programm der NSDAP behauptet der Autor, die Nazi-Partei habe »die Beseitigung des Wahlrechts der Juden« angestrebt, »da sie wegen ihres Wirkens bei der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg Fremdlinge in der arischen deutschen Gesellschaft sind.« Das ist genau die Variante der Dolchstoßlegende, wie sie Hitler in »Mein Kampf« ausführt. Ebenso beschreibt das Lehrbuch die Weltwirtschaftskrise in Deutschland: »Das Leben wurde zu einer Last. Die Juden jedoch, die mit Wertpapieren auf den Märkten ihren Spott trieben, wurden reich.«

Während der Geschichtsunterricht die »Judenfrage« nur streift, widmet sich das Fach Nationalpädagogik dem Thema ausführlich. Dieses Fach lehrt von der Grundschule bis zum Abschluss der Sekundarschule die »Liebe zur syrischen Nation«. »Es ging eigentlich jedes Jahr um Israel und die Juden«, erzählt ein syrischer Freund, der 2015 vor der Diktatur nach Deutschland floh. Eine Hausaufgabe im Lehrbuch für die 10. Klasse lautet: »Nenne die Gründe für den Groll der Nationen gegen die Juden in den Gesellschaften, in denen sie lebten.« Die Antwort finden die Schüler zwei Seiten davor: »Die Isolation, in der sich die Juden (...) befanden, war ein Ergebnis ihres Herabblickens auf andere in diesen Gesellschaften.«

Ramzi beschreibt den Unterricht in Syrien generell als unterkomplex. Man musste die vorgegebenen Antworten auswendig lernen. Wirklich überzeugt hat das zumindest die schlaueren Schüler*innen nicht. Ihm war klar, dass die Behauptung nicht stimmen konnte, den Holocaust habe es nicht gegeben: »Manche Sachen wusste man einfach. Es gab Dokus auf Al Jazeera und anderen Fernsehsendern.«

Satellitenschüsseln und schließlich das Internet haben einen guten Teil dazu beigetragen, dass die Propaganda der arabischen Diktaturen in den vergangenen Jahrzehnten an Glaubwürdigkeit verlor. Auch die geschlossenen antisemitischen Weltbilder erfuhren Risse. Seit Beginn der Nullerjahre hatten die Menschen Zugang zu verschiedenen Versionen der Geschichte. Zwar waren alle davon anti-israelisch und die meisten offen antisemitisch, aber die Narrative unterschieden sich. Während in ägyptischen Medien Holocaust-Leugner*innen ausführlich zu Wort kamen, bestritt der katarische Fernsehsender Al Jazeera die Shoah nicht, behauptete aber, die Juden hätten sie geschickt für sich genutzt.

 

Von Nazi-Propaganda im Radio ...

Gerade der Baathismus, ob syrischer oder irakischer Prägung, propagierte einen Antisemitismus nationalsozialistischer Prägung. Dieser knüpfte an regional tradierte antisemitische Mythen an. Schon unter osmanischer Herrschaft hatte es Pogrome gegen Jüdinnen und Juden gegeben. Als »Dhimmi«, als Anhänger*innen der Buchreligionen hatten sie wie auch Christ*innen in den Provinzen des Osmanischen Reichs weniger Rechte als Muslim*innen. Unter manchen Herrschern waren sie abgesehen von der Dhimmi-Steuer wenig Diskriminierung ausgesetzt, andere verboten ihnen Berufe, erlegten ihnen das Tragen bestimmter Kleidung auf und verbannten sie in Ghettos. Pogrome gegen Juden und Jüdinnen gingen hingegen immer von den christlichen Gemeinden aus, Muslim*innen beteiligten sich daran nur am Rande.

Dies nahm eine Wende mit der sogenannten Damaskus-Affäre 1840. Als ein Kapuzinermönch vermisst wurde, bezichtigten seine Ordensbrüder die Juden der Stadt, ihn ermordet zu haben, um sein Blut beim Pessachfest zu verwenden. In der Folge gab es im gesamten Nahen Osten Ausschreitungen gegen Juden und Jüdinnen, an denen sich erstmals auch viele Muslim*innen beteiligten. Die Ritualmordlegende fand damit Einzug in judenfeindliche Narrative der muslimischen Bevölkerung.

Auch die heute in Syrien regierende Baath-Partei bediente sich dieser Erzählung. So veröffentlichte etwa Mustafa Tlass, Verteidigungsminister und bester Freund des früheren Herrschers Hafez Al Assad, im Jahr 1984 das Buch »Die Matzen von Zion«, in dem er den Ritualmordvorwurf mit Bezug auf die Damaskus-Affäre bekräftigte.

In den 1940er Jahren kam es vermehrt zu Ausschreitungen unter dem Einfluss der antisemitischen Propaganda des Muftis von Jerusalem, Amin Al Hussaini, der aus Deutschland mit Unterstützung der Nazis Radiosendungen in die arabische Welt übertrug. Ab 1946 erließ die syrische Regierung drastische Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung, die die Migration nach Palästina einschränken sollten. Bankkonten wurden eingefroren, Staatsangestellte entlassen, es galt teilweise eine Ausgangssperre für Juden und Jüdinnen. Im Dezember 1947 verbreiteten sich Gerüchte, die Juden seien für den Ausbruch der Cholera verantwortlich. Zahlreiche Juden und Jüdinnen wurden wegen vorgeblich zionistischer Propaganda zum Tode verurteilt. Die meisten flohen damals und in den darauffolgenden Jahren aus Syrien in den Libanon und weiter nach Palästina.

Als die Baath-Partei 1963 die Macht übernahm, gab es kaum noch Jüdinnen und Juden in Syrien. Der Antisemitismus des Regimes war nicht gegen die wenigen Verbliebenen gerichtet, die durchaus Schutz wie andere religiöse Minderheiten genossen. Vielmehr stützte er die antiimperialistische Rhetorik des Regimes und wurde gegen demokratische wie kommunistische Bestrebungen eingesetzt. Vor allem die »Protokolle der Weisen von Zion« erfüllten diese Funktion. Die gefälschten »Protokolle« aus dem zaristischen Russland behaupten, ein Weltjudentum habe sich verschworen, mittels Demokratie, Liberalismus und Kommunismus die Welt ins Chaos zu stürzen, um schließlich die Weltherrschaft zu ergreifen. Dazu bediene es sich der Medien, Banken, Wirtschaft und Wissenschaft.

In Syrien kann man wie in den meisten arabischen Ländern die »Protokolle« wie auch Hitlers »Mein Kampf« in jedem Buchladen kaufen. In billiger Groschenroman-Qualität liegen sie auch an Zeitungsständen auf dem Gehsteig. Politiker*innen zitieren daraus. Teilweise werden sie sogar in der Schule unterrichtet.

In einem Workshop zu Antisemitismus mit jungen Syrer*innen in Berlin berichteten die Teilnehmer*innen von einer neueren Ergänzung: In der ihnen bekannten Version der »Protokolle« haben Verschwörer, die sich vor über hundert Jahren auf einem Friedhof in Prag getroffen haben sollen, schon damals die Gründung Israels beschlossen.

Die Feindschaft zu Israel ist Leitmotiv der syrischen Regimepropaganda. Israel soll vernichtet werden – die Rückgewinnung der Golan-Höhen spielt in der Rhetorik eher eine untergeordnete Rolle. So heißt es in einem Nationalpädagogik-Lehrbuch für die 8. Klasse, der Krieg gegen Israel werde geführt, »bis das besetzte Land vollständig befreit sei und die zionistische Kolonie auf arabischem Land ende.« Zionismus wird dabei mit der Ideologie der Nazis gleichgesetzt. Ein Lehrbuch der 10. Klasse erläutert: »Die chauvinistische und aggressive Einstellung sind untrennbar. Sie konstituierten den Kern der Nazi-Ideologie während der 1930er Jahre. Man vergisst oft, dass die Vordenker dieser Ideologie bei den Zionisten zu finden sind. Der Zionismus entsteht chronologisch vor der Nazi-Ideologie und ist dieser überlegen in Bezug auf die Klarheit der Ideen.«

Mit dieser anti-israelischen Propaganda konnte das Regime lange sämtliche politische Strömungen unter einem Banner vereinen. Von Islamist*innen über Liberale bis zu den Kommunist*innen war man sich einig, dass Israel bekämpft werden müsse. Es waren arabische Marxist*innen, die als erstes den Zionismus als rassistische Ideologie brandmarkten und die Zionist*innen mit Nazis verglichen.

 

... zu islamistischer Hetze

Heute spielt der islamistische Antisemitismus eine bedeutendere Rolle. Ramzi berichtet, dass ihn die Geschichte vom »Baum der Juden« als Kind beeindruckt habe. In einem Hadith, einer Erzählung über Leben und Aussagen des Propheten Mohammed, heißt es, das Jüngste Gericht könne erst kommen, wenn die Muslime alle Juden getötet hätten. Die Juden würden sich deshalb hinter Steinen und Bäumen verstecken, aber diese würden rufen »O, Muslim! O, Diener Gottes, ein Jude versteckt sich hinter mir. Komm und töte ihn! Nur al-Gharqad nicht; denn er ist ein Baum der Juden.«

Ramzi erzählt, der Scheich in der Moschee habe den Schüler*innen erzählt, die Juden wüssten das und pflanzten deshalb in ihren Vorgärten diesen Baum. »Wir dachten alle: Wow. Das macht Sinn.« Sein Bild von Israel formte sich weniger durch den Schulunterricht als durch die Jugendmagazine, die sein Onkel aus dem Büro der islamistischen palästinensischen Partei Hamas in Damaskus mitbrachte. Von dort hatte er auch ein Computerspiel, in dem man Israelis abknallen musste.

Im Gegensatz zum sunnitischen Islamismus vermeidet die schiitisch-islamistische Partei Hisbollah im Libanon die Herabsetzung von Juden. Anders als das syrische Regime oder sunnitische Islamist*innen behauptet sie auch nicht, der Zionismus sei eine religiöse Bewegung. Theoretiker*innen der Hisbollah betonen, dass das Judentum eine heilige Religion sei. Der Zionismus sei hingegen säkular, habe sich vom eigentlichen Judentum entfernt und nutze den Begriff »jüdisch« nur, um Unterstützung bei Juden und Jüdinnen weltweit zu finden. Allerdings gäbe es in der gesamten Welt nur eine verschwindend geringe Zahl unter ihnen, die nicht zionistisch seien.

Auch die Hisbollah argumentiert, der Zionismus sei rassistisch und expansionistisch. In ihren Schriften und Reden wird Israel nur als »zionistische Einheit« benannt, die das »absolut Böse« sei, »nicht wegen der Umstände der Besatzung, sondern wegen seiner schieren Existenz.« Das Töten von israelischen Zivilist*innen, auch von Kindern, rechtfertigt sie mit der Wehrpflicht für alle Israelis. Damit seien alle Israelis potenziell Soldat*innen. Diese Logik übernehmen auch libanesische Liberale und Linke – anders als die sunnitisch-islamistische Hetze, die sie als antijüdisch ablehnen.

 

Schutz im Libanon

In multikonfessionellen Staat Libanon ist jede Herabwürdigung der anerkannten Religionen verboten – das Judentum zählt dazu. Theoretisch hat die jüdische Gemeinde Anspruch auf politische Vertretung in Stadtrat und Parlament. Vertreter*innen der inzwischen winzigen jüdischen Gemeinde scheuen allerdings die Öffentlichkeit aus Furcht vor Anfeindungen.

Als ab den 1940er Jahren Juden und Jüdinnen in der gesamten arabischen Welt verfolgt und vertrieben wurden, sicherte die libanesische Staatsführung der jüdischen Gemeinde in Beirut Schutz und Unterstützung zu. Dies stand jedoch im Gegensatz zur Politik des französischen, mit den Nazis kollaborierenden Vichy-Regimes, das ab 1940 Besatzungsmacht im Libanon war. So konnte der Mufti Amin Al Husseini Waffentransfers nach Palästina über Beirut organisieren. Im Zuge seiner Agitation kam es zu Anschlägen auf jüdische Geschäfte.

Gleichzeitig unterstützte die libanesische Regierung die jüdische Gemeinde bei der Unterbringung jüdischer Flüchtlinge aus Syrien und Irak – mit der Auflage, dass die Flüchtlinge wenige Wochen danach weiter nach Palästina ziehen sollten. Anders als in Syrien lag es den libanesischen Eliten fern, die Gründung einer jüdischen Heimstatt zu bekämpfen. Libanesische Großgrundbesitzer verkauften ihre Ländereien in Palästina gerne an die gut zahlenden Zionist*innen.

Insbesondere viele Christ*innen waren bis zum Libanesischen Bürgerkrieg (1975-1990) pro-israelisch eingestellt. Wie auch viele Kurd*innen sehen sie die Existenz einer anderen starken Minderheit in der Region, die den als übermächtig empfundenen muslimischen Araber*innen die Stirn bietet, als Vorbild und Schutz ihrer eigenen gefährdeten Position.

Während des Bürgerkriegs ließen sich wichtige christliche Milizen von der israelischen Armee unterstützen und kämpften an ihrer Seite gegen palästinensische und linke Milizen und später gegen die Hisbollah. Nach dem Bürgerkrieg änderten sie allerdings ihr Narrativ. Nun war Israel der Feind, der den Südlibanon bis 2000 besetzt hielt. Die Hisbollah-Kämpfer galten als nationale Helden, betitelt als »der Widerstand«. Als der Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah nach dem Krieg zwischen Israel und der Hisbollah im Jahr 2006 eine Ansprache im Fernsehen hielt, jubelten auch in den christlichen Stadtteilen Zuschauer*innen über den von ihm behaupteten Sieg.

 

Frieden mit Israel?

Bei aller Feindschaft zu Israel blieb der Diskurs im Libanon jedoch weitgehend rational. Das liegt auch an dem im Vergleich zur Region deutlich höheren Bildungsniveau. So sagt der irakisch-libanesische Journalist Hussain Abdul Hussain: »Die Libanesen lesen auch israelische Zeitungen im Internet. Ich habe dort nie jemanden getroffen, der an die ‚Protokolle der Weisen von Zion‘ glaubt.«

Seit einigen Jahren gibt es immer mehr Stimmen, die die Feindschaft zu Israel in Frage stellen. Politikwissenschaftler*innen weisen auf die Berechtigung Israels hin, sich gegen islamistische Angriffe zu wehren. Anfang September plädierte der frühere Minister Sejaan Azzi in einem Fernsehinterview für ein Abkommen mit Israel. Auf Nachfrage zeigte er sich überzeugt, dass Israel Frieden mit Libanon wolle. Nach der Explosion im Beiruter Hafen im August, für die die Hisbollah zumindest teilweise Verantwortung trägt, forderten etliche Libanes*innen in den sozialen Netzwerken die Entwaffnung der Hisbollah und Frieden mit Israel.

Das Entsetzen über das eigene Regime hat auch in Syrien Viele zu einem Umdenken in Bezug auf Israel gebracht. Zur Hochphase des Bürgerkriegs konnte man Facebook-Posts wie diesen lesen: »Was Assad uns in sieben Jahren angetan hat, übersteigt bei weitem das, was Israel den Palästinensern in 70 Jahren angetan hat … Wir Syrer beneiden die Palästinenser, dass ihr Feind Israel ist.«

Auch das syrische Regime unterlässt derzeit die antisemitische Agitation. Keine Silbe äußerte der Diktator Bashar Al Assad zum jüngst abgeschlossenen Friedensvertrag zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und Israel, während in der gesamten Region die Israelfeind*innen dagegen hetzten. Assad braucht das Geld vom Golf, um sein Land, das er in den letzten neun Jahren kaputt gebombt hat, wiederaufzubauen.

 

Hannah Wettig schreibt als freie Autorin seit mehr als 20 Jahren über den Nahen Osten. Innerhalb des Projekts »Vom Flüchtling zum Bürger und zur Bürgerin« der Organisation Wadi e.V. führt sie Workshops zu Antisemitismus, lokaler Demokratie und Rassismus durch. Derzeit arbeitet sie an einer Studie zu Strategien gegen nahöstlichen Antisemitismus in Deutschland.

381 | Antisemitismus
Cover Vergrößern