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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 392 | Dark Tourism Birgit Weyhe: Rude Girl

Birgit Weyhe: Rude Girl

Der Soundtrack der Verwandlung

In ihrem Werk Rude Girl unternimmt Birgit Weyhe den genialen Versuch, einen biografischen Comic über die Schwarze Germanistikprofessorin Priscilla Layne kollaborativ zu erschaffen. Dabei brechen Autorin und Protagonistin aus ihrer Isolation aus, die im Stil Franz Kafkas durch den Käfer Gregor Samsa dargestellt wird, und treten in einen inspirierenden Dialog.

Es geht um das Leben einer Frau, deren Mutter aus Barbados und deren Vater aus Jamaika stammen. Aufgrund ihrer indirekten Prägung durch die ehemaligen britischen Kolonien wird sie in den USA nie wirklich als Afroamerikanerin anerkannt.

Angeregt wurde Weyhe zum kollaborativen Schreiben und Zeichnen durch die Kritik an kultureller Aneignung, die sie als Dozentin in den USA mit Fragen der Repräsentation konfrontierte. An Weyhes bunt gezeichnete Episoden aus dem Leben der Protagonistin schließen stets in rot und weiß gehaltene Seiten an, die ebenfalls von Weyhe gezeichnet sind, aber Priscillas Kommentar beinhalten. Priscilla übt sensibel Kritik an Weyhes Vorannahmen, oder reflektiert über die Farbwahl bei der Darstellung von Schwarzen Menschen im Comic. Die Farbe sollte deren soziale Position und Rassismuserfahrung sichtbar machen, aber zugleich nicht die Mimik der Charaktere einschränken oder Blackfacing reproduzieren. All diese Diskussionen machen das Buch zu einem besonderen Leseerlebnis.

Weyhe zeichnet mit einer großen Detailliebe, die insbesondere Leser*innen, die in den 1990er-Jahren aufwuchsen, ans Herz geht. Das Buch steckt voller popkultureller Referenzen: Vom Nintendo Game Boy, der augenzwinkernd zum »Nintendi GAME GIRL« wird, über das Laurel auf den Polo-Shirts der Skinheads bis zu zahlreichen Schallplatten-, Kassetten- und CD-Covern. Musik spielt im Leben von Priscilla eine große Rolle, was durch die Darstellung der Verwandten aus der Karibik und ihre Hinwendung zur Punk-, Skinhead- und Ska-Subkultur deutlich und mittels einem eigenen »Rude Girl«-Soundtrack am Ende des Comics unterstrichen wird.

Ursprünglich hätte die Lebensgeschichte unter dem Titel »Oreo« veröffentlicht werden sollen. Die Wiederentdeckung und -veröffentlichung von Fran Ross‘ Roman mit einer Schwarzen Jüdin als Protagonistin unter demselben Titel 2019 ließ den Verlag den Titel ändern. Wiederum gemeinsam mit der Protagonistin fiel die Entscheidung auf »Rude Girl«. Letztendlich eine positive Wendung, die den Titel vom Dazwischenstehen zwischen Schwarz und Weiß zugunsten eines Fokus auf Empowerment und die karibische sowie die Skinhead-Kultur verschiebt.

Patrick Helber

Birgit Weyhe: Rude Girl. Avant Verlag, Berlin 2022. 312 Seiten, 26 Euro.

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